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Deutsch-polnisches Geschichtsbuch: Einsatz im Fachunterricht

Wenn in Berlin oder Warschau über Geschichte gesprochen wird, fällt das Wort „Erinnerung“ zuverlässig. Meist folgt darauf „Verantwortung“, gelegentlich „Respekt“, sehr oft aber eine politische Rechnung.

Aktualisiert27. Juli 2026
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Deutsch-polnisches Geschichtsbuch: Einsatz im Fachunterricht

Die Vergangenheit wird dann zum Belegstück: für nationale Unschuld, fremde Schuld oder die vermeintliche Eindeutigkeit der eigenen Position. Im Geschichtsunterricht beginnt das Problem früher und nüchterner: mit einem Schulbuch, das eine Karte zeigt, eine Quelle auswählt und eine Frage stellt – oder eben nicht stellt.

Das deutsch-polnische Geschichtsbuch Europa – Unsere Geschichte / Europa. Nasza historia setzt genau dort an. Es verspricht keine harmonische Erzählung über zwei Nachbarn, die sich am Ende doch irgendwie verstehen. Das wäre pädagogisch bequem und historisch unerquicklich. Stattdessen macht die vierbändige Reihe sichtbar, dass europäische Geschichte aus überlappenden Erfahrungen, widersprüchlichen Deutungen und ungleichen Erinnerungskulturen besteht. Für den Fachunterricht ist das kein dekorativer Zusatz. Es ist der Kern der Sache.

Die Reihe richtet sich an die Sekundarstufe I und reicht von der Ur- und Frühgeschichte bis in die Gegenwart. Sie entstand in einer deutsch-polnischen Zusammenarbeit von Historikerinnen, Historikern und Geschichtsdidaktikerinnen und -didaktikern, die sich von 2008 bis 2020 erstreckte. Band 1 erschien 2016, Band 2 2017, Band 3 2019, Band 4 im Juni 2020. Ein langer Atem also. Nicht selbstverständlich in einem Feld, in dem manche Regierung ihre Geschichtspolitik schneller wechselt als einen Lehrplan.

Vom bilateralen Prestigeprojekt zum brauchbaren Unterrichtswerk

Der Ursprung der Reihe liegt in einer gemeinsamen Initiative der damaligen Außenminister Deutschlands und Polens aus dem Jahr 2008. Solche politischen Geburtsstunden laden zu Misstrauen ein. Zu oft entsteht aus gut gemeinter Verständigungspolitik eine Broschüre mit Händedruck auf dem Titel und intellektuellem Leerlauf im Inneren.

Europa – Unsere Geschichte ist mehr als das – jedenfalls dem Anspruch und seiner Anlage nach. Die Bände sind nicht als deutsch-polnische Sonderkunde gebaut, in der Polen als gelegentlicher Nachbar Deutschlands auftaucht und Deutschland als unvermeidlicher Mittelpunkt Europas firmiert. Der Zugriff ist europäisch und transnational. Das heißt nicht, dass nationale Perspektiven verschwinden. Es heißt: Sie verlieren ihr Monopol.

Die vier Bände gliedern den Stoff in einer vertrauten historischen Chronologie:

BandZeitraumUnterrichtliche Funktion
Band 1Ur- und Frühgeschichte bis MittelalterGrundlegung: Herrschaft, Religion, Handel, Gesellschaft und kulturelle Räume ohne nachträgliche Nationalstaatsbrille
Band 2Neuzeit bis 1815Umbrüche von Reformation, Aufklärung, Revolutionen und imperialer Ordnung
Band 3Wiener Kongress bis Erster WeltkriegNationalbewegungen, Industrialisierung, Gesellschaftskonflikte und die Vorgeschichte der europäischen Katastrophen
Band 420. Jahrhundert bis zur GegenwartGewaltgeschichte, Besatzung, Holocaust, Staatssozialismus, Systemwechsel und Erinnerungskultur

Gerade diese breite Anlage ist für den Einsatz im Geschichtsunterricht entscheidend. Ein Lehrwerk über das deutsch-polnische Verhältnis, das erst 1939 einsetzt, hätte das übliche Problem: Es würde Polen fast ausschließlich als Opfer deutscher Gewalt und Deutschland fast ausschließlich als Täterstaat behandeln. Beides ist für die NS-Besatzungspolitik unverzichtbar, aber als vollständige historische Erzählung unerquicklich verkürzt. Die Vorgeschichten von Grenzziehungen, Teilungen, Migration, Minderheitenpolitik, wirtschaftlichen Verflechtungen und konkurrierenden Staatsvorstellungen verschwinden dann hinter dem moralisch richtigen, didaktisch aber zu schmalen Fokus.

Das Werk erlaubt, diese Ebenen in eine längere Geschichte einzuordnen. Nicht um die Verbrechen des 20. Jahrhunderts zu relativieren – dieser Reflex gehört in die Mottenkiste. Sondern um zu erklären, warum historische Erfahrungen in Deutschland und Polen bis heute unterschiedlich gerahmt werden.

Erinnerung wird dort unerquicklich, wo sie nur noch die eigene Seite entlastet. Unterricht muss diese Entlastungsmaschine anhalten.

Wer mit dem Lehrwerk arbeitet, sollte allerdings eine Illusion gleich zu Beginn verabschieden: Ein gemeinsames Schulbuch schafft kein gemeinsames Gedächtnis. Es schafft, im besten Fall, bessere Bedingungen für Streit auf Grundlage von Quellen, Begriffen und Kontext. Das ist erheblich mehr, als es zunächst klingt.

Multiperspektivität ist kein höfliches Nebeneinander

Das didaktische Programm der Reihe nennt ein offenes Geschichtsbild, Multiperspektivität, Kontroversität und das Überwältigungsverbot. Diese Begriffe werden in pädagogischen Sonntagsreden gern so glatt verwendet, dass sie kaum noch Widerstand erzeugen. Im Fachunterricht müssen sie schärfer gefasst werden.

Multiperspektivität bedeutet nicht, dass jede Aussage über die Vergangenheit denselben Rang erhält. Die Perspektive eines Überlebenden, eine Verwaltungsakte der Besatzungsmacht, ein nationalistischer Zeitungsartikel und eine spätere politische Rede sind nicht austauschbar. Sie haben unterschiedliche Entstehungssituationen, Interessen und Aussagegrenzen. Wer alles zur „Perspektive“ erklärt, verwechselt Pluralität mit Beliebigkeit.

Kontroversität wiederum heißt nicht, dass gesicherte Tatsachen zur Debatte stehen. Die deutsche Besatzung Polens war kein Interpretationsangebot. Der Holocaust ist keine Frage der nationalen Blickrichtung. Kontrovers wird es dort, wo Deutungen, Gewichtungen und Formen des Erinnerns auseinandergehen: Welche Rolle spielt der Warschauer Aufstand im polnischen Gedächtnis? Warum ist die Erinnerung an Flucht und Vertreibung in Deutschland anders institutionell verankert als die Erinnerung an die Zwangsumsiedlungen in Polen? Welche Geschichte erzählen Denkmäler, Museen, Jahrestage und Schulbücher – und welche lassen sie weg?

Das deutsch-polnische Geschichtsbuch kann solche Fragen im Klassenraum produktiv machen, weil es nicht bei einer nationalen Mastererzählung stehen bleibt. Die Rubrik „Blickwinkel“ bringt Perspektiven von Historikerinnen und Historikern aus Europa ein. „Vergangenheit in der Gegenwart“ richtet den Blick ausdrücklich auf Erinnerungskulturen. Das ist didaktisch klüger als der verbreitete Schulbuchreflex, nach einem Kapitel über Krieg und Diktatur noch schnell ein Foto von einem Denkmal anzuhängen, als wäre Erinnerung bloß der Anhang der Geschichte.

Der entscheidende Unterschied: Perspektive gegen Instrumentalisierung

Für Lehrkräfte liegt die Herausforderung nicht darin, verschiedene Standpunkte bloß vorzuführen. Sie liegt darin, die Schülerinnen und Schüler zu einer begründeten Bewertung zu führen. Ein sinnvoller Arbeitsgang besteht aus vier Schritten:

1. Die Quelle zunächst in ihrer Zeit lesen. Wer spricht? Wann? Für wen? Unter welchem Druck oder mit welchem Ziel? Eine Rede aus dem Jahr 1945 beantwortet andere Fragen als eine Gedenkrede von 2025.

2. Die Perspektive mit anderen Materialien konfrontieren. Eine nationale Erinnerungserzählung gewinnt oder verliert nicht durch Lautstärke, sondern durch den Abgleich mit Quellen, Forschung und anderen Erfahrungen.

3. Auslassungen sichtbar machen. Was fehlt im Material? Welche Opfergruppe, welcher Raum, welche soziale Erfahrung kommt nicht vor? Die Abwesenheit ist oft aufschlussreicher als die Überschrift.

4. Gegenwartsbezüge erst am Ende herstellen. Nicht jede historische Stunde muss in einer tagespolitischen Stellungnahme enden. Aber wenn sie es tut, dann auf Grundlage historischer Analyse – nicht als moralische Kurzschlusshandlung.

Hier liegt eine Stärke des Lehrwerks: Es liefert keine fertige Versöhnungserzählung. Seine Anlage kann Lehrkräfte dazu zwingen, die eigene Auswahlpraxis zu reflektieren. Wer bisher deutsche Geschichte als Abfolge innerdeutscher Ereignisse unterrichtet hat, merkt schnell, wie provinziell dieser Tunnelblick ist. Wer Polen nur in den Kapiteln über Teilungen, Krieg und EU-Erweiterung erwähnt, ebenfalls.

Wie die Bände im Unterricht tatsächlich arbeiten können

Die Reihe ist für den regulären Geschichtsunterricht der Sekundarstufe I konzipiert. Der deutsche Verlag nennt Gesamtschulen und Gymnasien in allen 16 Bundesländern sowie Schulen in Polen als Zielraum. Das beschreibt die Reichweite des Konzepts, nicht seine tatsächliche Verbreitung. Zwischen „für den Einsatz gedacht“ und „liegt auf jedem Pult“ liegt bekanntlich ein ganzer Kontinent aus Länderzulassungen, Fachkonferenzen, Budgets und Gewohnheiten.

Didaktisch arbeiten die Bände mit wiederkehrenden Elementen: Methodenseiten, Kompetenztests, Quellenauszügen, Bildmaterial, der Perspektivenrubrik „Blickwinkel“ und Erinnerungskultur-Beiträgen unter „Vergangenheit in der Gegenwart“. Das klingt zunächst nach vertrauter Schulbucharchitektur. Der Unterschied liegt in der Auswahl und Verbindung der Materialien.

Ein Kapitel über das 19. Jahrhundert kann nationale Bewegungen nicht einfach als natürliche Vorstufe des Nationalstaats erzählen. Gerade im deutsch-polnischen Kontext ist das entscheidend. Für deutsche Lernende ist die Reichsgründung von 1871 oft eine politische Erfolgsgeschichte mit dunklem Nachwort. Für polnische Perspektiven stellt sich dieselbe Epoche unter den Bedingungen fehlender Staatlichkeit, von Teilungsmächten und kultureller Selbstbehauptung anders dar. Beide Zugänge gehören in den Unterricht, aber sie ergeben keinen bequemen Gleichklang.

Im Band zum 20. Jahrhundert wird die Sache noch anspruchsvoller. Deutsche Klassen brauchen präzise Kenntnisse über Vernichtungskrieg, Besatzungspolitik und Holocaust in Polen. Polnische Klassen arbeiten zugleich mit einer Geschichte, in der die doppelte Erfahrung von deutscher Besatzung und sowjetischer Dominanz zentrale Bezugspunkte bildet. Ein Unterricht, der diese Unterschiede verschweigt, produziert keine Verständigung, sondern nur höfliche Unkenntnis.

Drei Unterrichtsszenarien, in denen das Lehrwerk mehr kann als ein Zusatzblatt

  • Grenzen als historische Prozesse behandeln: Karten aus verschiedenen Epochen lassen sich nicht nur zur Orientierung einsetzen. Schülerinnen und Schüler können untersuchen, wann Grenzen Herrschaft sicherten, wann sie Menschen trennten und wann sie nachträglich als angeblich „natürlich“ dargestellt wurden. Gerade bei Polen ist das ein wirksames Mittel gegen die Vorstellung, heutige Staatsgrenzen seien historische Selbstverständlichkeiten.
  • Erinnerungsorte als Deutungskonflikte lesen: Die Rubrik zur Gegenwart der Vergangenheit eignet sich, um Denkmäler, Gedenktage oder Museumsnarrative nicht als neutrale Tatsachen zu behandeln. Welche Sprache verwenden sie? Wer wird genannt, wer nicht? Welche nationale Rahmung dominiert? Das Ergebnis muss kein Konsens sein. Es sollte aber eine belegte Analyse sein.
  • Quellenvergleich statt nationaler Parallelmonologe: Ein deutscher und ein polnischer Text zur gleichen Zäsur können nebeneinanderstehen, ohne dass die Stunde in ein ritualisiertes „beide Seiten haben recht“ abrutscht. Entscheidend ist die Frage: Welche Erfahrung beschreibt der Text, welche Deutung behauptet er, und was lässt sich historisch belegen?

Für den Fachunterricht ist das besonders wertvoll, weil das Werk Perspektivwechsel nicht als Exotenübung behandelt. Polen erscheint nicht nur dort, wo eine deutschsprachige Erzählung Lücken hat. Deutschland erscheint umgekehrt nicht als ständiger Maßstab, an dem andere europäische Geschichten vermessen werden. Das ist keine Kleinigkeit. Es verändert, welche Fragen überhaupt gestellt werden.

Ein transnationales Schulbuch ist nicht neutral. Es legt offen, dass die angeblich neutrale nationale Erzählung längst eine Perspektive war.

Deutsche und polnische Ausgabe: Gleich im Inhalt, nicht identisch in jedem Unterrichtsschritt

Die deutsch- und polnischsprachigen Ausgaben sind inhaltlich gleich angelegt und unterscheiden sich sprachlich. Zugleich gibt es ergänzende nationale didaktische Materialien, die je Sprachversion getrennt sind. Das ist kein Makel, sondern eine sachliche Notwendigkeit.

Lehrpläne, Prüfungsformate, Jahrgangslogiken und Unterrichtstraditionen sind in Deutschland und Polen nicht deckungsgleich. Wer aus der Existenz zweier Sprachversionen automatisch einen identischen Unterricht ableitet, hat das Verhältnis von Buch und Schule missverstanden. Ein Schulbuch ist kein Lehrplan und schon gar kein Unterrichtsautomat.

Die Unterschiede beginnen bereits bei der institutionellen Einbettung. In Deutschland sind Schulbuchzulassungen und Listen Ländersache. Eine bundesweit einheitliche Zulassung für die Reihe gibt es nicht. Für Brandenburg ist die Lage greifbar: Die Schulbuchliste für 2025/26 führte alle vier deutschen Bände, mit Band 1 für die Jahrgangsstufen 5/6, Band 2 für Jahrgangsstufe 7, Band 3 für Jahrgangsstufe 8 und Band 4 für die höheren Jahrgänge der Sekundarstufe I. Das ist ein konkreter Anhaltspunkt, aber kein Freifahrtschein für die Behauptung, die Reihe sei bundesweit verbindlich oder flächendeckend eingeführt.

In Polen erhielt die Ausgabe von Band 4 für Klasse 8 am 5. Juli 2024 die Zulassungsnummer 1120/8,9/2024 und wurde in das staatliche Schulbuchverzeichnis aufgenommen. Auch das ist eine relevante institutionelle Anerkennung. Es ist jedoch keine Statistik über Klassenzimmer. Wie viele Lehrkräfte mit dem Band arbeiten, wie regelmäßig er eingesetzt wird und welche Lernwirkungen daraus folgen, lässt sich mit den verfügbaren Daten nicht seriös beziffern.

Diese Unterscheidung ist unerquicklich, aber nötig. Der Preis „Schulbuch des Jahres 2021“, den Band 4 in der Kategorie Gesellschaft für die Sekundarstufe I erhielt, bescheinigt eine positive Juryentscheidung. Er ersetzt keine Wirkungsstudie. Auszeichnung ist Anerkennung, nicht Evidenz. Wer beides verwechselt, betreibt genau jene bequeme Geschichtspolitik im Kleinen, gegen die das Lehrwerk eigentlich antritt.

Einsatz planen: Nicht als deutsches Buch mit Polen-Kapitel behandeln

Die größte Gefahr bei der Nutzung liegt nicht im Werk selbst, sondern in seiner domestizierten Verwendung. Man kann aus Europa – Unsere Geschichte problemlos ein normales nationales Schulbuch machen, wenn man nur die vertrauten Abschnitte auswählt und die irritierenden Perspektiven überspringt. Dann bleibt vom transnationalen Anspruch ein buntes Layout mit einigen zusätzlichen Namen.

Für eine Fachkonferenz oder einzelne Lehrkraft empfiehlt sich deshalb keine „Komplettumstellung“ als Glaubensfrage, sondern eine bewusste Einsatzplanung. Drei Entscheidungen sollten vor der ersten Stunde fallen:

1. Welches bisherige Unterrichtsmuster soll aufgebrochen werden?

Geht es um die nationale Verengung beim Thema Erster Weltkrieg? Um die Leerstelle Polen im Unterricht über den Zweiten Weltkrieg? Um die Behandlung von Flucht, Vertreibung und Nachkrieg? Ohne diese Diagnose wird das Buch zum Materiallager.

2. Welche Kompetenzen stehen im Vordergrund?

Die Reihe eignet sich besonders für Quellenkritik, Kartenanalyse, Vergleich von Deutungen und die Untersuchung von Erinnerungskultur. Wer dagegen nur Faktenabfrage für einen Test vorbereitet, wird ihr Potenzial kaum ausschöpfen.

3. Wo braucht die Lerngruppe zusätzliche Einordnung?

Multiperspektivität verlangt Begriffsarbeit. Ohne präzise Unterscheidungen zwischen Quelle und Darstellung, Erfahrung und Deutung, Opferstatus und politischer Instrumentalisierung werden selbst gute Materialien missverstanden.

Die frei zugänglichen Unterrichtsentwürfe zur Sekundarstufe I sind dabei praktisch relevant. Sie dürfen genutzt, vervielfältigt und für schulische wie außerschulische Zwecke angepasst werden. Das senkt die Einstiegshürde erheblich. Niemand muss eine Doppelstunde über konkurrierende Erinnerungskulturen aus dem Nichts bauen, nur um danach festzustellen, dass die knappe Zeit wieder für die nächste Klassenarbeit gebraucht wird.

Gleichzeitig bleibt Anpassung nötig. Eine Unterrichtseinheit für eine achte Klasse in Brandenburg funktioniert nicht automatisch in einer polnischen Klasse der entsprechenden Altersstufe. Sprachliche Voraussetzungen, Vorwissen, lokale Familiengeschichten und die politische Aufladung bestimmter Begriffe unterscheiden sich. Der Materialpool ist offen; die Verantwortung für seine Auswahl bleibt bei den Lehrenden.

Was das Buch nicht leisten kann

Man sollte dem deutsch-polnischen Geschichtsbuch nicht aufbürden, was kein Schulbuch leisten kann. Es wird keine politischen Konflikte zwischen beiden Ländern befrieden. Es wird nicht verhindern, dass Regierungen Geschichte als Waffe im Gegenwartskampf nutzen. Und es wird auch nicht automatisch Vorurteile abbauen, nur weil Schülerinnen und Schüler einmal zwei Perspektiven nebeneinander gelesen haben.

Historisches Lernen ist keine Impfung gegen Nationalismus. Es ist eher ein Training gegen intellektuelle Bequemlichkeit. Das Ergebnis lässt sich nicht zuverlässig in Einstellungswerten messen, und für diese konkrete Reihe liegt keine unabhängige Wirkungsstudie vor, die Kompetenzzuwächse oder veränderte Haltungen nachweisen würde.

Gerade deshalb ist es sinnvoll, bescheiden und anspruchsvoll zugleich zu bleiben. Bescheiden in den Versprechen, anspruchsvoll in der Durchführung. Der Wert von Europa – Unsere Geschichte liegt nicht darin, eine versöhnliche Enderzählung zu liefern. Er liegt darin, Material und Struktur für Unterricht bereitzustellen, der die nationalen Selbstbilder nicht freundlich umdekoriert, sondern prüft.

Das ist im deutsch-polnischen Verhältnis bitter nötig. Erinnerung und Instrumentalisierung liegen oft näher beieinander, als die Sonntagsreden vermuten lassen. Wer Geschichte nur als Vorrat für aktuelle politische Urteile benutzt, macht aus ihr eine Kulisse. Wer sie im Unterricht als widersprüchlichen, quellengebundenen und europäischen Zusammenhang bearbeitet, nimmt ihr den falschen Trost der Eindeutigkeit.

Ein gutes Schulbuch kann diese Arbeit nicht abnehmen. Aber es kann verhindern, dass sie schon auf der ersten Seite scheitert.

Häufige Fragen

Ist das deutsch-polnische Geschichtsbuch für den Unterricht in Deutschland verbindlich?
Nein, es gibt keine bundesweit einheitliche Zulassung. Die Nutzung hängt von den jeweiligen Länderzulassungen, Fachkonferenzen und schulinternen Entscheidungen ab.
Was unterscheidet dieses Lehrwerk von einem herkömmlichen Geschichtsbuch?
Das Werk ist transnational angelegt und vermeidet es, Deutschland als Mittelpunkt Europas darzustellen. Es integriert gezielt polnische Perspektiven und Erinnerungskulturen, statt diese nur als Ergänzung zu behandeln.
Wie gehen die Bände mit dem Thema Erinnerungskultur um?
Die Reihe nutzt die Rubrik Vergangenheit in der Gegenwart, um Denkmäler, Museen und Gedenktage als Deutungskonflikte zu analysieren, anstatt sie lediglich als Anhang zur Geschichte zu präsentieren.
Gibt es eine wissenschaftliche Studie zur Wirksamkeit des Geschichtsbuchs?
Nein, es liegt keine unabhängige Wirkungsstudie vor, die Kompetenzzuwächse oder veränderte Einstellungen bei den Lernenden nachweisen würde.
Sind die deutschsprachige und die polnischsprachige Ausgabe identisch?
Die Ausgaben sind inhaltlich gleich angelegt, unterscheiden sich jedoch sprachlich und durch ergänzende nationale didaktische Materialien, die den jeweiligen Lehrplänen und Unterrichtstraditionen angepasst sind.