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Deutsch-polnischer Jugendaustausch: Welches Programm passt?

Immer wieder höre ich in meinem beruflichen Umfeld denselben Satz: „Wir würden ja gern einen Austausch mit Polen machen, aber wir wissen gar nicht, wo wir anfangen sollen." Das ist kein Randproblem.

Aktualisiert26. Juli 2026
Lesezeit9 Min. Lesezeit
Deutsch-polnischer Jugendaustausch: Welches Programm passt?

Es ist eine ganz alltägliche Wahrnehmung, und sie erzählt viel darüber, wie wir unsere Nachbarn im Osten oft wahrnehmen – als freundlich, aber irgendwie fern. Dabei gibt es für genau diese Frage seit über dreißig Jahren eine Struktur, die oft übersehen wird: das Deutsch-Polnische Jugendwerk. Wer es kennt, merkt schnell, dass die Frage nicht heißt „Geht das überhaupt?", sondern „Welches unserer Angebote passt zu meiner Gruppe?". Dieser Text nimmt Sie an der Hand und ordnet die wichtigsten Wege: das DPJW für klassische Gruppenbegegnungen, das Programm #2amongmillions für individuelle Treffen und Erasmus+ als ergänzende internationale Option. Eine erste Entscheidung lässt sich oft schon nach wenigen Sätzen dieses Textes treffen – die zweite folgt dann nach einem kurzen Telefonat mit der nächsten DPJW-Außenstelle.

Wenn die Nachbarn zur Frage werden: Warum der Weg das Ziel ist

In unserer Alltagsrealität ist der Nachbar oft das unsichtbarste Gegenüber. Das stimmt für polnische wie für deutsche Familien. Austausch ist dann keine Selbstverständlichkeit, sondern eine bewusste Entscheidung, und genau an dieser Stelle beginnt das, was wir in der Zivilgesellschaft oft als Beziehungsarbeit bezeichnen. Wer eine Jugendbegegnung plant, muss nicht nur einen Antrag schreiben, sondern eine Frage beantworten: Was wollen wir miteinander erleben? Das klingt harmlos, ist aber der entscheidende Hebel. Denn jede Förderlinie – ob DPJW oder Erasmus+ – bewertet genau diesen Punkt sehr genau. Eine bloße Aufzählung von Besichtigungen trägt keinen Antrag; gefragt ist ein pädagogisches Format mit gemeinsamen Reflexionsphasen, mit gemischten Kleingruppen und mit ausreichend Raum für Begegnung jenseits touristischer Highlights.

Eine Jugendbegegnung ist kein Programm mit deutschen und polnischen Teilnehmenden, sondern ein gemeinsam gestaltetes Programm mit Teilnehmenden aus beiden Ländern.

Wer einmal verstanden hat, dass die Partnergruppe auf der anderen Seite der Oder kein Anhängsel ist, sondern Mitautorin des Vorhabens, hat die größte Hürde schon genommen. Wer dann noch beiderseits der Grenze denselben Programmnamen verwendet – nicht auf Deutsch, nicht auf Polnisch, sondern als gemeinsame Arbeitsbezeichnung –, macht dem Antrag den Weg ein Stück leichter.

Das Deutsch-Polnische Jugendwerk: Unser gemeinsamer Anker

Das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW) ist die Adresse, wenn deutsch-polnischer Jugendaustausch konkret werden soll. Gegründet am 17. Juni 1991, wenige Monate nach der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrags, ist es bis heute die spezifische Förderstruktur für Begegnungen zwischen jungen Menschen aus beiden Ländern. Die Logik ist bewusst schlicht gehalten: Eine Gruppe aus Deutschland und eine Gruppe aus Polen planen gemeinsam ein Vorhaben, reichen gemeinsam einen Antrag ein und führen es gemeinsam durch. Die Förderung folgt diesem Dreischritt, nicht umgekehrt. Dieses Prinzip der Parität ist im Alltag der Begegnungsarbeit kein Beiwerk; es ist das eigentliche Fundament, auf dem jede bilaterale Förderung beruht.

Das DPJW unterscheidet zwei Welten, die in der Praxis oft vermischt werden. Da sind zum einen die schulischen Begegnungen – also klassische Schüleraustausche, die in der Regel über die Schulverwaltungen oder direkte Lehrerpartnerschaften laufen. Zum anderen die außerschulischen Begegnungen: Sportvereine, die mit einem polnischen Partner ein Turnier und gemeinsame Trainingstage planen, Theatergruppen, die ein Stück zweisprachig erarbeiten, Zirkusprojekte, die Stadtfeste gemeinsam bestreiten, oder Jugendverbände, die thematische Workcamps organisieren. Beide Welten teilen sich denselben Förderrahmen, dieselbe Antragslogik und dieselbe Prüfung des Begegnungscharakters. Für Träger, die beide Welten ansprechen – etwa ein Kreisjugendring, der sowohl Schulen als auch freie Jugendgruppen begleitet – ist das DPJW eine der wenigen Anlaufstellen, die das gesamte Spektrum mit einer Antragslogik bedienen.

Was 2026 wirklich zählt: Anforderungen an eine geförderte Begegnung

Wer jetzt plant, muss mit den Regeln für 2026 rechnen. Die wichtigsten Parameter habe ich hier zusammengetragen, weil sie in Broschüren oft verstreut stehen:

RahmenbedingungAnforderung 2026
Programmtagemindestens 4, höchstens 28
Mindestalter Teilnehmende12 Jahre (begründete Ausnahmen möglich)
Höchstalter Teilnehmende26 Jahre (Teammitglieder ausgenommen)
Größenverhältnis der Gruppendeutsch-polnisch höchstens 2: 3
Antragsfristmindestens 3 Monate vor Projektbeginn
Antragswegausschließlich über das OASE-Portal
UnterschriftenGastgeber und Gast binnen eines Monats nach Antragseingang
Maximale Programmkostenförderung in Deutschland25.000 Euro
Maximale Programmkostenförderung in Polen90.000 Złoty

Wer diese Tabelle zum ersten Mal sieht, reibt sich manchmal die Augen, weil die Bedingungen sehr konkret wirken. Das sind sie auch – und genau das ist gewollt. Eine Begegnung ist kein Klassenausflug, sondern ein eigenständiges pädagogisches Format. Wer hier die deutsche Seite allein ausfüllt, die polnische nur als zweites Unterschriftenfeld behandelt und dann ein attraktives Reiseprogramm vorlegt, scheitert nicht an der Höhe der Fördersumme, sondern an der Prüfung des Begegnungscharakters.

Ein wichtiger Hinweis gehört dazu: Für 2026 weist das DPJW ausdrücklich darauf hin, dass Fördersätze wegen begrenzter Mittel nicht in voller Höhe bewilligt werden. Das heißt nicht, dass die Förderung unzuverlässig ist, aber es bedeutet, dass Sie bei der Kalkulation einen Realitätszuschlag einplanen sollten. Wer ein Projekt mit kalkulierten 25.000 Euro einreicht, plant im Finanzplan am besten Szenarien für den Fall einer Kürzung mit. Die tatsächlich bewilligte Summe lässt sich ohne die konkrete Projektbeschreibung und die Entscheidung des DPJW nicht vorhersagen, und genau aus dieser Ehrlichkeit entsteht eine belastbare Antragspraxis.

Wenn der Kontakt im Kleinen beginnt: #2amongmillions für individuelle Treffen

Nicht jede Begegnung beginnt mit dreißig Teilnehmenden. Manchmal ist es eine Familie in Wrocław, die nach Frankfurt schaut. Manchmal ist es ein Auszubildender aus Stettin, der seinen polnischen Kollegen in Hamburg besuchen will. Für genau diese Fälle gibt es das DPJW-Programm #2amongmillions, das individuelle deutsch-polnische Begegnungen junger Menschen fördert. Teilnehmen können Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 26 Jahren. Pro Begegnung sind höchstens drei Personen vorgesehen: ein Gastgeber oder eine Gastgeberin und bis zu zwei Gäste.

Man muss nicht erst eine Organisation gründen, um sich zu begegnen. Manchmal reicht eine Einladung.

Das klingt fast unscheinbar, ist aber für unsere Alltagsrealität enorm wichtig. Denn das Programm senkt die Schwelle radikal. Kein Verein, kein Träger, kein Antrag im herkömmlichen Sinn, der ein ganzes Projektteam voraussetzt. Trotzdem gilt: Auch ein Dreipersonentreffen ist eine Begegnung mit Folgen, und es lohnt sich, gemeinsam zu planen, was man unternehmen will. Wer hier beiläufig teilnimmt, verschenkt die größte Stärke des Programms – den persönlichen, oft jahrelangen Kontakt. Gerade wer im Erwachsenenalter einmal versucht hat, einen längeren Aufenthalt im Nachbarland über persönliche Kanäle zu organisieren, weiß, wie viel logistisches Kleinwerk hinter einem solchen Besuch steckt: Unterkunft, Arbeitsfreistellung im Heimatbetrieb, Fahrtkosten, eine gemeinsame Idee für die Zeit vor Ort. Genau dieses Kleinwerk springt #2amongmillions mit einer niedrigschwelligen Förderung an.

Wenn die Gruppe größer und internationaler wird: Erasmus+ als Schwesterprogramm

Für viele Schulen und Verbände stellt sich irgendwann die Frage, was passiert, wenn nicht nur Deutsche und Polen, sondern auch junge Menschen aus Frankreich, der Ukraine oder Spanien dazukommen. Das DPJW kann unter bestimmten Voraussetzungen auch trilaterale Begegnungen fördern; für umfassender mehrstaatliche Gruppen ist Erasmus+ oft eine passende Alternative. Wer ohnehin europäisch denkt, ein mehrsprachiges Team hat oder durch die Begegnung ein größeres Netzwerk aufbauen will, ist mit Erasmus+ gut beraten.

KriteriumErasmus+ Jugendbegegnung
Teilnehmende13 bis 30 Jahre (Gruppenleitungen mindestens 18)
Dauer5 bis 21 Programmtage, ohne Reisetage
Gruppengröße16 bis 60 Teilnehmende insgesamt
Mindestgröße je Ländergruppe4 Teilnehmende
Ländermindestens zwei, in der Regel mehr

Bevor die Wahl zwischen DPJW und Erasmus+ fällt, lohnt sich ein kurzer Realitätscheck. Zwei Fragen helfen: Wie viele Ländergruppen haben wir tatsächlich am Start, und wie viel bürokratischen Aufwand kann unser Träger leisten? Für eine klassische 24-Personen-Begegnung zwischen einer Berufsschule aus Potsdam und einer aus Posen ist Erasmus+ formal nicht zwingend nötig – wer den kleineren Förderrahmen des DPJW nutzen kann, fährt damit oft unbürokratischer. Sobald jedoch ein drittes Länderteam dazukommt oder ein größerer Förderbedarf entsteht, sprechen die Formalien von Erasmus+ für sich. Wer beide Wege offenhalten will, kann beim DPJW gezielt nachfragen, welche Spielräume bei einer Erweiterung um einen dritten Partner bestehen.

Zwischen Antrag und Begegnung: Häufige Stolpersteine

Wer mit Antragspraxis zu tun hat, weiß: Die meisten Ablehnungen entstehen nicht, weil eine Idee schlecht ist, sondern weil der Begegnungscharakter im Antrag nicht sichtbar wird. Das DPJW betont das immer wieder, und ich habe es in meiner eigenen Beratungsarbeit selbst erlebt. Es gibt typische Stolperfallen, die sich vermeiden lassen:

  • Wechselnde Zusammensetzung der Gruppen. Wenn Teilnehmende nur einzelne Programmpunkte besuchen oder eine Landesgruppe sich mitten im Austausch stark verändert, geht der Begegnungscharakter verloren. Beide Gruppen sollten in ähnlicher Zusammensetzung am gesamten Programm teilnehmen.
  • Ungleichgewicht zwischen den Ländergruppen. Die Vorgabe 2: 3 ist kein Hindernis, sondern ein Korridor. Wer stark davon abweicht, sollte dies nachvollziehbar begründen.
  • Anträge ohne polnische Handschrift. Wenn die deutsche Gruppe Programm, Unterkunft und Tagesablauf allein plant, kann das kein gemeinsamer Antrag sein. Die polnische Partnergruppe muss erkennbar mitgestalten und mit unterschreiben.
  • Zu kurze Vorlaufzeit. Drei Monate sind das Minimum, aber bei komplexen Vorhaben mit Visafragen, Schulbefreiungen und Partnerunterschriften sind vier bis sechs Monate realistischer.
  • Verwechslung mit touristischen Reisen. Weder das DPJW noch Erasmus+ fördern Studien-, Tourismus- oder Urlaubsreisen als Begegnung. Der gemeinsame pädagogische Rahmen ist Pflicht.

Wer diese fünf Punkte beachtet, hat schon mehr als die halbe Miete. Was bleibt, ist die inhaltliche Arbeit: Was wollen die Gruppen voneinander sehen, hören, ausprobieren, aushandeln? Genau hier wird aus einem Antrag ein Erlebnis. Hinzu kommt ein sechster Punkt, der in der Praxis oft unterschätzt wird – die Sprache. Wer die Begegnung komplett auf einer Landessprache führt, schließt die andere Gruppe faktisch von der Vorbereitung aus; wer mit Übersetzungen, Sprachtandems oder einer einfachen gemeinsamen Arbeitssprache arbeitet, gewinnt sichtbar an Begegnungsqualität.

Unser konkreter nächster Schritt: Eine kleine Entscheidungshilfe für den Alltag

Wenn Sie beim Lesen gemerkt haben, dass Ihre Situation irgendwo zwischen diesen Programmen liegt, hilft es, drei ehrliche Fragen zu beantworten. Erstens: Ist Ihre Gruppe rein deutsch-polnisch, oder sind weitere Länder dabei? Wer nur mit Polen arbeitet, bleibt fast immer beim DPJW. Zweitens: Planen Sie mit vielen Teilnehmenden und mehreren Begleitpersonen, oder eher im kleinen Rahmen mit ein paar Freundschaften? Ab etwa zehn Personen und einem mehrtägigen Programm ist das DPJW-Format passend; im noch kleineren Rahmen ist #2amongmillions oft der unkompliziertere Weg. Drittens: Wie viel Zeit haben Sie? Wer für den Sommer plant, sollte spätestens im Frühjahr Partner und Antrag sortieren, wer für den Herbst, jetzt anfangen.

Mein letzter Rat ist der, den ich auch unseren Partnern in Polen immer wieder gebe: Beginnen Sie nicht mit der Förderung, sondern mit der Begegnung. Suchen Sie zuerst die Partnergruppe, schreiben Sie eine kurze gemeinsame Idee auf ein Blatt Papier, erst dann schauen Sie, welches Programm diese Idee trägt. So entstehen Begegnungen, die nicht von Förderlogik geprägt sind, sondern von unserer gemeinsamen Wahrnehmung dessen, was eine Nachbarschaft im Herzen Europas sein kann. Wer diesen kleinen Schritt geht, erlebt schnell, dass die Frage „Welches Programm passt?" am Ende gar nicht die schwierigste ist – die schwierigere, und die wichtigere, bleibt die nach dem gemeinsamen Inhalt.

Häufige Fragen

Welche Voraussetzungen müssen für eine Förderung durch das DPJW erfüllt sein?
Eine Gruppe aus Deutschland und eine aus Polen müssen das Vorhaben gemeinsam planen, den Antrag zusammen einreichen und das Projekt gemeinsam durchführen.
Wie alt müssen die Teilnehmenden bei einer DPJW-geförderten Begegnung sein?
Das Mindestalter liegt bei 12 Jahren, das Höchstalter bei 26 Jahren, wobei Teammitglieder von dieser Altersgrenze ausgenommen sind.
Wie lange muss eine Begegnung dauern, um gefördert zu werden?
Die Programmdauer muss mindestens 4 und darf höchstens 28 Tage betragen.
Was ist das Programm #2amongmillions?
Es ist ein Programm für individuelle deutsch-polnische Begegnungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 26 Jahren, bei dem maximal drei Personen teilnehmen können.
Wann sollte der Antrag für eine Begegnung spätestens eingereicht werden?
Der Antrag muss mindestens drei Monate vor Projektbeginn über das OASE-Portal eingereicht werden.
Warum werden Anträge für Jugendbegegnungen oft abgelehnt?
Die meisten Ablehnungen erfolgen, weil der pädagogische Begegnungscharakter im Antrag nicht ausreichend sichtbar wird oder die polnische Seite nicht als gleichberechtigte Mitautorin erkennbar ist.