Bürgerdialog mit Polen: Checkliste für die Projektplanung
Ein deutsch-polnischer Bürgerdialog scheitert selten an der großen politischen Differenz.

Er scheitert am beiläufigen Satz: „Die Partner in Polen machen dann den lokalen Teil.“ Oder an der deutschen Einladung, die schon fertig gestaltet ist, bevor überhaupt geklärt wurde, worüber die polnische Seite sprechen will. Erinnerung wird dann zur Dekoration, Zusammenarbeit zur Arbeitsteilung, und aus Begegnung wird ein höflich moderiertes Missverständnis.
Dabei ist die Infrastruktur keineswegs dünn. Der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag vom 17. Juni 1991 umfasst 38 Artikel und liefert bis heute den politischen Rahmen für Kontakte zwischen beiden Gesellschaften. Mehr als 500 Städtepartnerschaften verbinden Kommunen in Deutschland und Polen. Hinzu kommen Schulen, Kulturhäuser, Vereine, lokale Redaktionen und Initiativen. Das Problem ist nicht der Mangel an Verbindungen. Das Problem ist ihre routinierte Instrumentalisierung: ein Wappen auf dem Plakat, ein Grußwort im Programm, ein Gruppenfoto für die Gemeindeseite – und anschließend wieder Funkstille.
Die folgende Checkliste für die Vorbereitung eines deutsch-polnischen Bürgerdialogs ist deshalb kein Ablaufplan für eine nette Europaveranstaltung. Sie ist ein Schutz gegen die üblichen Selbsttäuschungen: gegen den deutschen Organisationsreflex, gegen die polnische Rolle als exotische Ergänzung und gegen die Annahme, Übersetzung allein mache aus zwei Gruppen bereits ein Gespräch.
Das Fundament: Partnerschaft statt Delegation
Der erste Fehler trägt oft den harmlosen Namen „Projektleitung“. Eine Organisation schreibt den Antrag, legt Thema, Ort und Ablauf fest und sucht anschließend auf der anderen Seite der Grenze jemanden, der Teilnehmende mobilisiert. Das ist keine Partnerschaft. Das ist ausgelagerte Reichweite.
Gerade bei zivilgesellschaftlichen Projekten zwischen Polen und Deutschland muss die Zusammenarbeit vor der öffentlichen Ankündigung stehen. Nicht als diplomatische Höflichkeitsübung, sondern als belastbare Arbeitsteilung mit gleichen Gestaltungsmöglichkeiten. Wer die Mittel beantragt, verfügt nicht automatisch über die bessere politische Deutung des Themas.
Die erste Besprechung sollte daher nicht mit der Frage beginnen, wer wann einen Raum reserviert. Sie sollte klären, welches Problem beide Seiten tatsächlich bearbeiten wollen. „Nachbarschaft stärken“ ist kein Problem, sondern eine Broschürenformel. Tragfähig werden Themen erst, wenn sie lokal werden: Abwanderung junger Menschen, Strukturwandel in Grenzregionen, Misstrauen gegenüber Medien, Erinnerung an Vertreibung und Besatzung im kommunalen Raum, Wohnen, Arbeitsmigration oder Konflikte um Sichtbarkeit von Minderheiten.
Für das gemeinsame Fundament braucht es fünf Vereinbarungen:
1. Ein gemeinsames Ziel in einer Sprache, die beide Seiten akzeptieren.
Das deutsche Wort „Aufarbeitung“ kann im polnischen Kontext andere Assoziationen auslösen als im deutschen. Auch Begriffe wie „Versöhnung“, „Opfer“, „Wiedergutmachung“ oder „Patriotismus“ sind keine neutralen Verpackungen. Wer sie verwendet, sollte vorher wissen, welche Geschichte darin mitgeliefert wird.
2. Eine geteilte Entscheidungsmacht.
Programm, Referierende, Moderation, Öffentlichkeitsarbeit und Budgetprioritäten gehören auf beide Seiten des Tisches. Ein polnischer Partner, der nur das Abendessen organisiert, ist kein Partner, sondern Dienstleister mit Fahne.
3. Ein schriftlich festgehaltenes Rollenmodell.
Wer verantwortet Finanzen? Wer kommuniziert mit dem Veranstaltungsort? Wer entscheidet bei Konflikten? Wer beantwortet Presseanfragen? Solche Fragen wirken klein, bis sie zwei Tage vor Beginn plötzlich groß werden.
4. Ein Verfahren für Dissens.
Bei historischen und politischen Themen ist Einigkeit kein Qualitätsmerkmal. Entscheidend ist, ob ein Konflikt bearbeitet werden kann, ohne dass eine Seite als „zu emotional“ und die andere als „zu belehrend“ abgelegt wird.
5. Ein Ergebnis, das über den Termin hinausreicht.
Das kann eine lokale Erklärung sein, eine gemeinsame Recherche, ein kommunaler Vorschlag, eine Ausstellung, eine Podcastfolge oder eine Folgeveranstaltung. Ein Dialog ohne dokumentierte Spur verschwindet zuverlässig im Archiv der guten Absichten.
Gleichberechtigung beginnt nicht bei der Begrüßung auf zwei Sprachen, sondern bei der Frage, wer das Thema überhaupt setzen darf.
Der Nachbarschaftsvertrag von 1991 ist dabei weder Zauberformel noch museales Erinnerungsstück. Er ist eine politische Grundlage. Die konkrete Beziehung entsteht trotzdem erst im Projektalltag: beim Streit über das Programm, bei der Entscheidung über Übersetzungskosten und bei der Frage, ob die kritische Stimme aus der Partnerstadt wirklich auf das Podium darf.
Die Partnerwahl: Bestehende Netzwerke nutzen, aber nicht mit Leben verwechseln
Mehr als 500 Städtepartnerschaften zwischen Deutschland und Polen klingen nach einem dichten Netz. Sie sind es auf der Landkarte. In der Praxis reicht die Spannweite von lebendigen Begegnungsformaten bis zur jährlichen Kranzniederlegung mit Delegationsessen. Beides darf man nicht verwechseln.
Eine Städtepartnerschaft ist ein möglicher Zugang, kein Qualitätsnachweis. Für die Planung eines Bürgerdialogs lohnt sich eine nüchterne Stakeholder-Analyse. Nicht, weil jedes zivilgesellschaftliche Projekt ein Unternehmensseminar imitieren müsste, sondern weil die üblichen lokalen Machtverhältnisse sonst unsichtbar bleiben.
| Akteursgruppe | Möglicher Beitrag | Typischer blinder Fleck |
|---|---|---|
| Kommune und Partnerschaftskomitee | Räume, Kontakte, politische Sichtbarkeit | Neigung zu repräsentativen statt kontroversen Formaten |
| Schule, Jugendhaus, Hochschule | Zugang zu jungen Teilnehmenden, pädagogische Erfahrung | Oft knappe Zeitfenster und hohe Abhängigkeit von Einzelpersonen |
| Lokale Vereine und Initiativen | Fachwissen, Vertrauen in bestimmten Gruppen | Werden häufig zu spät eingebunden |
| Lokale Medien und Bürgermedien | Reichweite, öffentliche Debatte, Dokumentation | Berichten eher über den Termin als über den Konflikt dahinter |
| Migrantische Selbstorganisationen | Perspektiven auf Mobilität, Mehrsprachigkeit und Zugehörigkeit | Werden oft nur als „Diversitätsbeitrag“ eingeladen |
| Kulturinstitutionen | Kuratorische Erfahrung, Orte mit Öffentlichkeit | Gefahr, dass Kultur das politische Problem ästhetisch entschärft |
Die entscheidende Frage lautet: Wer fehlt, wenn die üblichen Ansprechpartner bereits versammelt sind? Gerade bei grenzüberschreitender Bürgerbeteiligung sind es oft Menschen, die keinen Vereinsvorsitz tragen und keine institutionelle E-Mail-Adresse haben: Pendlerinnen, Pflegekräfte, junge Erwachsene mit Migrationserfahrung, Menschen mit Behinderung, Eltern, die zwischen Sprachräumen vermitteln, oder lokale Gruppen, die sich von offizieller Städtepartnerschaftspolitik schlicht nicht angesprochen fühlen.
Das bedeutet nicht, jede Veranstaltung müsse alle gesellschaftlichen Lagen abbilden. Solcher Totalitätsanspruch produziert nur eine andere Form von Kulisse. Aber die Auswahl muss begründet sein. Wer spricht? Wer hört zu? Wer kann widersprechen? Und wer wurde gar nicht erst gefragt?
Die Einladung ist bereits Politik
Einladungen verraten mehr über ein Projekt als jedes Leitbild. Wird nur auf Deutsch eingeladen und die polnische Übersetzung nachgereicht? Wird eine Teilnahmegebühr verlangt, ohne Reise- und Einkommensunterschiede mitzudenken? Findet das Gespräch an einem Ort statt, den man ohne Auto kaum erreicht? Sind Uhrzeit und Kinderbetreuung so gesetzt, dass Berufstätige und Familien faktisch ausgeschlossen werden?
Auch die Ansprache selbst zählt. „Wir möchten unsere polnischen Nachbarn kennenlernen“ klingt freundlich, aber schief. Polen sind keine soziale Anschauungseinheit für deutsche Neugier. Besser ist eine Einladung, die ein gemeinsames lokales Problem benennt und Teilnehmende als Mitgestaltende anspricht.
Zeitplan und Förderung: Die Frist ist kein Gestaltungselement
Förderlogik kann Projekte ermöglichen. Sie kann sie aber auch in jene vertraute Choreografie zwingen, bei der der Antrag das Programm diktiert und die Teilnehmenden anschließend als Beleg für gelungene Beteiligung dienen. Besonders deutlich wird das bei Jugendbegegnungen.
Das Deutsch-Polnische Jugendwerk fördert schulische und außerschulische Begegnungen junger Menschen. Voraussetzung ist, dass das Vorhaben gemeinsam mit einer Partnerorganisation im Nachbarland geplant und beantragt wird. Dieses „gemeinsam“ ist kein semantischer Schmuck am Förderformular. Wer erst nach der deutschen Konzeptphase in Polen anruft, hat den Kern der Förderung bereits verfehlt.
Für Förderanträge des Deutsch-Polnischen Jugendwerks gilt: Sie müssen spätestens drei Monate vor Projektbeginn eingereicht werden. Das betrifft nicht bloß die Buchhaltung. Vor der verbindlichen Ankündigung, vor nicht stornierbaren Fahrkarten und vor der euphorischen Veröffentlichung eines Programms muss die Förderfrage geklärt sein.
Bei schulischen Begegnungen liegt die förderfähige Dauer zwischen vier und 28 Tagen. Die deutschen und polnischen Gruppen sollen zahlenmäßig ausgewogen sein; ein Verhältnis von 2:3 darf nicht überschritten werden. Diese Regeln gelten nicht automatisch für Erwachsenenforen, kommunale Dialogveranstaltungen oder Medienprojekte. Wer sie zur universellen Norm erklärt, verwechselt Förderkriterien mit einer allgemeinen Theorie der deutsch-polnischen Begegnung.
Für die Projektplanung hilft ein Kalender, der nicht nur den Veranstaltungstag kennt:
- Sechs bis neun Monate vorher: Partnerkreis bilden, Thema eingrenzen, Verantwortlichkeiten und Kommunikationswege vereinbaren, Förderfähigkeit prüfen. Bei komplexen Gruppen frühzeitig Reise- und Aufenthaltsfragen abfragen.
- Vier bis sechs Monate vorher: Programm gemeinsam entwickeln, Moderation und Sprachmittlung anfragen, Räume auf Zugänglichkeit prüfen, Teilnehmendengewinnung starten.
- Mindestens drei Monate vorher: Bei einer geplanten DPJW-Förderung den Antrag fristgerecht einreichen. Nicht auf eine spontane politische Gelegenheit hoffen; Förderfristen besitzen eine bemerkenswerte Immunität gegen gute Absichten.
- Sechs bis acht Wochen vorher: Ablauf in beiden Sprachen finalisieren, Einverständnisse und Datenschutzinformationen vorbereiten, Bedarfe für Mobilität, Ernährung, Assistenz und Kommunikation konkret abfragen.
- Nach dem Termin: Auswertung dokumentieren, Rückmeldung der Teilnehmenden getrennt und gemeinsam einholen, Ergebnisse öffentlich nachvollziehbar machen und den nächsten Kontakt verbindlich festlegen.
Für die Betreuung nennt das Jugendwerk als Orientierung zwei Betreuungspersonen für die ersten zehn Teilnehmenden; danach kommt je weitere bis zu zehn Teilnehmende eine Person hinzu. Das ist keine Einladung zur Minimalbesetzung. Wer eine mehrsprachige, heterogene Gruppe begleitet, braucht nicht nur Aufsicht, sondern Menschen, die Konflikte wahrnehmen, Übersetzungsengpässe auffangen und informelle Ausschlüsse erkennen.
Ein Zeitplan, der nur Anreise, Podium und Abendessen enthält, plant keine Begegnung. Er verwaltet Anwesenheit.
Rund drei Millionen junge Menschen wurden bislang durch bilaterale Programme des Deutsch-Polnischen Jugendwerks unterstützt. Die Zahl ist beachtlich. Sie ist aber kein Freispruch für jedes neue Projekt. Masse erzeugt Erfahrung, nicht automatisch Qualität.
Sprachmittlung: Nicht die Übersetzung, sondern die Teilhabe organisieren
Die verbreitetste Fiktion lautet: Englisch löst das Problem. Es löst mitunter die Verständigung auf Flughafenniveau. Für politische, biografische oder historische Gespräche reicht das selten. Wer seine Sprache nur funktional beherrscht, spricht vorsichtiger, kürzer und weniger widersprüchlich. Genau das aber ist für einen Bürgerdialog fatal: Diejenigen, die ohnehin geübt argumentieren, übernehmen das Gespräch. Der Rest nickt in internationaler Höflichkeit.
Das Deutsch-Polnische Jugendwerk empfiehlt deshalb ausdrücklich, Fremdsprachenkenntnisse nicht zur Teilnahmebedingung zu machen und Sprachmittlerinnen und Sprachmittler einzuplanen. Ebenso sinnvoll sind spielerische und nonverbale Formen der Interaktion neben Debattenformaten. Das ist keine pädagogische Dekoration. Es korrigiert eine Machtasymmetrie.
Sprachmittlung muss früh im Budget stehen. Nicht als nachträglich gestrichener Kostenblock, sobald das Catering teurer wird. Gute Sprachmittlung umfasst mehr als die Person mit Kopfhöreranlage:
- Die Moderation liefert Unterlagen frühzeitig, damit zentrale Begriffe abgestimmt werden können.
- Redebeiträge werden begrenzt und in Sinnabschnitten übersetzt, nicht als fünfminütige Monologblöcke abgearbeitet.
- Arbeitsgruppen werden so zusammengesetzt, dass nicht alle sprachlich Unsicheren an einem Tisch landen.
- Schriftliche Materialien erscheinen mindestens zweisprachig und in klarer, nicht bürokratischer Sprache.
- Es gibt Formate, in denen man auch ohne perfekte Sprachkompetenz beitragen kann: Kartenabfragen, Ortsbegehungen, Bildarbeit, gemeinsame Recherche oder moderierte Kleingruppen.
Besonders bei historischen Themen entscheidet die Begriffsklärung über die Qualität des Gesprächs. „Flucht und Vertreibung“, „Zwangsmigration“, „Befreiung“, „Besatzung“, „Wiedergewinnung“: Solche Wörter sind keine neutralen Etiketten. Sie bündeln Perspektiven, familiäre Erinnerungen und nationale Deutungsmuster. Ein seriöses Format glättet diese Differenzen nicht. Es macht sie sichtbar, ohne daraus einen Wettbewerb um das größere Leid zu basteln.
Erinnerung gegen Instrumentalisierung: Das ist die Trennlinie. Erinnerung fragt nach Erfahrungen, Quellen und Leerstellen. Instrumentalisierung sucht Zeugen für eine vorab feststehende politische Rechnung.
Teilhabe und Barrierefreiheit: Der Raum beginnt vor der Tür
Barrierefreiheit ist nicht erledigt, wenn der Veranstaltungsort eine Rampe besitzt. Sie beginnt bei der Anmeldung und endet erst, wenn alle Teilnehmenden tatsächlich am Gespräch teilnehmen konnten.
Für öffentliche Stellen des Bundes gelten spezifische Verpflichtungen aus dem Behindertengleichstellungsgesetz; für zivilgesellschaftliche Veranstalter folgt daraus nicht in jedem Fall dieselbe unmittelbare Rechtslage. Wer daraus den Schluss zieht, Zugänglichkeit sei freiwilliger Luxus, hat allerdings das Wesen eines Bürgerdialogs nicht verstanden. Ein Dialog, der Menschen durch Treppen, unlesbare PDFs, fehlende Pausen oder unübersetzte Beiträge ausschließt, ist kein offenes Format mit kleinen Mängeln. Er ist ein Format mit sehr präzise definierter Öffentlichkeit.
Die Bedarfsabfrage sollte diskret, konkret und früh erfolgen. Nicht: „Benötigen Sie besondere Hilfe?“ Diese Formulierung lädt zur Selbstentblößung ein und liefert organisatorisch fast nichts. Besser sind klare Optionen und ein offenes Feld für individuelle Hinweise:
- stufenloser Zugang und barrierefreie Sanitäranlagen,
- Sitzplätze, Rückzugsraum und ausreichende Pausen,
- gut lesbare, kontrastreiche Materialien,
- Informationen zu Anreise, Parkplatz, öffentlichem Verkehr und Begleitpersonen,
- Gebärdensprach- oder Schriftdolmetschung, falls benötigt,
- Regelungen für Assistenzpersonen,
- Ernährung, Medikamente und zeitliche Belastbarkeit.
Bei grenzüberschreitenden Gruppen kommen Aufenthalts- und Reisedokumente hinzu. Nicht alle Teilnehmenden besitzen die deutsche oder polnische Staatsangehörigkeit; nicht alle haben dieselbe aufenthaltsrechtliche Situation. Mögliche Visa- oder Genehmigungsfragen müssen früh und individuell geklärt werden. Pauschale Zusagen sind hier genauso unseriös wie die Bemerkung, innerhalb Europas werde sich das schon finden.
Fotos, Daten und die alte Versuchung des Gruppenbildes
Ein Bürgerdialog produziert Daten: Anmeldelisten, E-Mail-Adressen, Essenswünsche, möglicherweise Angaben zu Unterstützungsbedarfen, Fotos, Videoaufnahmen und Zitate. All das darf nicht wie Konfetti behandelt werden, nur weil das Projekt gemeinnützig oder kommunal sympathisch daherkommt.
Personenbezogene Daten brauchen eine Rechtsgrundlage für ihre Verarbeitung. Bei individualisierten Foto- und Videoaufnahmen ist regelmäßig eine Einwilligung erforderlich. Für Bilder von Veranstaltungen können unter bestimmten Umständen Ausnahmen greifen; das ist jedoch kein Freibrief, jede Person mit Namensschild und nachdenklichem Gesicht für die Öffentlichkeitsarbeit zu verwerten.
Praktisch heißt das:
1. Anmeldung und Öffentlichkeitsarbeit trennen. Wer sich anmeldet, erklärt damit nicht automatisch sein Einverständnis für Porträts auf Instagram, in Pressemitteilungen oder in einem Projektfilm.
2. Einwilligungen verständlich und zweisprachig formulieren. Niemand sollte erst nach einem langen Datenschutztext erraten müssen, ob eine Ablehnung Nachteile für die Teilnahme hat.
3. Fotofreie Zonen oder Kennzeichnungen ermöglichen. Besonders bei konfliktgeladenen Themen, Minderjährigen oder vulnerablen Gruppen ist das kein Sonderwunsch, sondern Vertrauensschutz.
4. Kontaktlisten nicht als Beute behandeln. Eine Liste für Fahrgemeinschaften oder Folgeveranstaltungen braucht einen eigenen, transparenten Zweck.
5. Dokumentation vorab klären. Wer schreibt das Protokoll? Werden Aussagen anonymisiert? Dürfen Arbeitsgruppen zitiert werden? Was bleibt intern?
Der Drang zum Gruppenfoto ist verständlich. Es beweist Sichtbarkeit. Aber Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie Beteiligung. Ein Projekt kann mit zwanzig lächelnden Menschen auf einem Rathausplatz enden und dennoch jede schwierige Frage sorgfältig umgangen haben.
Das Programm: Begegnung erzeugen, nicht Tourismus mit Diskussionspause
Das Deutsch-Polnische Jugendwerk verlangt für geförderte Begegnungen einen tatsächlichen Begegnungscharakter: Teilnehmende sollen sich kennenlernen sowie gemeinsam erleben, lernen und handeln. Rein touristische Programme sind nicht förderfähig. Das klingt selbstverständlich, bis man Programme sieht, in denen der gemeinsame Anteil aus einer Stadtführung, einem Abendessen und einer Abschlussrunde besteht.
Eine Besichtigung kann sinnvoll sein. Sie wird zur Begegnung erst dann, wenn sie bearbeitet wird: Wer erzählt die Geschichte eines Ortes? Welche Stimmen fehlen? Welche Erinnerungspolitik wird im Stadtraum sichtbar? Warum steht dieses Denkmal hier – und warum steht ein anderes nicht mehr hier?
Ein belastbarer Programmmix kann so aussehen:
| Programmbestandteil | Funktion im Dialog | Häufiger Fehlgriff |
|---|---|---|
| Gemeinsamer Einstieg | Erwartungen, Begriffe und Erfahrungen sichtbar machen | Vorstellungsrunde mit Name, Beruf, Lieblingsessen |
| Lokale Recherche oder Ortsbegehung | Gemeinsame Faktenbasis schaffen | Führung ohne Auswertung |
| Gemischte Kleingruppen | Sprach- und Perspektivgrenzen praktisch bearbeiten | Nationale Blöcke an getrennten Tischen |
| Kontroverse Plenumsphase | Konflikte offen verhandeln | Podium mit ausschließlich institutionellen Stimmen |
| Gemeinsame Arbeit an einem Ergebnis | Verantwortung und Verbindlichkeit erzeugen | Unverbindliche Abschlussresolution |
| Auswertung | Machtverhältnisse und Lernerfahrungen prüfen | „Hat es Ihnen gefallen?“ als einziger Maßstab |
Gerade junge Menschen sollten nicht bloß Teilnehmende eines Erwachsenenprogramms sein. Sie müssen Themen setzen, Programmpunkte mitgestalten und Ergebnisse mitformulieren können. Sonst spricht man von Beteiligung, meint aber Anwesenheit mit Namensschild.
Die Auswertung: Nicht Harmonie messen, sondern Reibung verstehen
Nach einem Bürgerdialog kommt häufig jene Frage, die jede kritische Bilanz zuverlässig entschärft: „War die Stimmung gut?“ Eine gute Stimmung kann erfreulich sein. Sie beweist fast nichts. Auch bei sorgfältig vermiedenen Konflikten ist die Stimmung meist ausgezeichnet.
Die Auswertung sollte deshalb getrennt nach Organisationsteams und Teilnehmenden erfolgen, möglichst in beiden Sprachen und mit Raum für Kritik. Gefragt werden sollte nicht nur nach Zufriedenheit, sondern nach Teilhabe:
- Konnten alle Personen die Diskussionen sprachlich verfolgen?
- Wurden Themen oder Perspektiven übergangen?
- Waren Entscheidungen nachvollziehbar?
- Wer hat im Raum besonders viel gesprochen – und warum?
- Welche Konflikte wurden produktiv, welche nur vertagt?
- Was wird innerhalb welcher Frist weiterverfolgt?
Ein kurzes öffentliches Ergebnisdokument schafft Verbindlichkeit, sofern es nicht die Differenzen glattbügelt. Es darf festhalten, worüber Konsens besteht, wo Dissens bleibt und welche nächsten Schritte vereinbart wurden. Gerade das ist demokratische Praxis: nicht die künstliche Herstellung von Einigkeit, sondern ein nachvollziehbarer Umgang mit Uneinigkeit.
Der Maßstab ist nicht das Foto, sondern die Fortsetzung
Deutsch-polnische Kooperationen brauchen keine sentimentale Überhöhung. Sie brauchen gute Planung, gleichberechtigte Partner und den Mut, historische und politische Differenzen nicht als Störung des Programms zu behandeln. Der Nachbarschaftsvertrag, Städtepartnerschaften und Förderstrukturen bieten dafür ein tragfähiges Gerüst. Sie nehmen niemandem die Arbeit ab.
Wer den Bürgerdialog als freundliche Kulisse plant, wird vermutlich einen freundlichen Abend erhalten. Wer ihn als gemeinsame politische Arbeit organisiert, riskiert Reibung, Verzögerungen und Widerspruch. Genau dort beginnt jedoch die Begegnung, die ihren Namen verdient.
Geschichtsklitterung beginnt nicht erst bei der Lüge. Oft genügt ein Programm, das nur das Gespräch zulässt, dessen Ergebnis vorher schon feststeht.