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Berlins neue Rolle in Kiew: Warum Polen in der europäischen Sicherheitsarchitektur an Einfluss verliert

Wie das US-Magazin 19FortyFive in einer Analyse darlegt, hat sich Deutschland in den zurückliegenden Monaten zum wichtigsten europäischen Partner der Ukraine entwickelt.

Berlins neue Rolle in Kiew: Warum Polen in der europäischen Sicherheitsarchitektur an Einfluss verliert

Hauptachse Berlin–Kiew, Warschau im Abseits

Am 22. August 2026 reiste Bundesaußenminister Johan Wadephul bereits zum vierten Mal seit Amtsantritt vor rund 16 Monaten nach Kiew. Auf der Agenda standen dem Bericht zufolge die Winterhilfe und der Rahmen für ein neues Drohnenabkommen, bei dem die Ukraine sowohl Technologie als auch Gefechtserfahrung bereitstellen würde. Bei seinem Treffen mit Präsident Selenskyj verurteilte Wadephul die anhaltenden russischen Angriffe auf zivile Infrastruktur und das Stromnetz ungewöhnlich deutlich.

Lenkungstrio ohne Warschau

Die Verschiebung wird in der Struktur der "Coalition of the Willing" sichtbar. Das politische Leitungsgremium bilden seit Ende 2025 Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Am 24. August 2026, dem ukrainischen Unabhängigkeitstag, co-vorsitzten die drei Außenminister das Treffen in Kiew. Polen gehört der Koalition an, gehört aber nicht zum Kerntrio – obwohl nahezu der gesamte bodengebundene Nachschub und die logistische Verstärkung über polnisches Territorium laufen. Geographisch unverzichtbar, politisch übergangen: Das ist die neue Ordnung in Mitteleuropa.

Drohnendeal, MiG-29 und offene Rechnungen

Die Verschiebung hat handfeste materielle Folgen. Warschau hatte eigene MiG-29 an Kiew übergeben und im Gegenzug Priorität beim Zugang zu kampfbewährter ukrainischer Drohnentechnologie erwartet. Im Juli 2026 erklärte Polens Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz laut 19FortyFive, die Ukraine habe die zugesagte Technologie bislang nicht geliefert. Damit erhält die Fördermittelallokation unter Verbündeten eine neue Bruchkante: Wer eigene Bestände abgibt, wird nicht automatisch mit Gegenleistung bedacht.

Gedenkpolitik als zusätzliche Störgröße

Parallel belastet die ukrainische Erinnerungspolitik das bilaterale Verhältnis. Die Benennung einer Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA), der im Zweiten Weltkrieg Massaker an bis zu 100.000 Polen in den damaligen deutschen Ostgebieten angelastet werden, verschlechtert nach Darstellung des Berichts die Stimmung weiter. Am 24. August 2026 verschärfte der polnische Vizeminister Marcin Bosacki den Ton: Die Aufnahme von Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch in das ukrainische National-Pantheon könne den EU-Beitrittsprozess Kiews erheblich erschweren und die Beziehungen zu Polen wie zu Europa insgesamt belasten. Bosacki verwies zugleich auf die fehlende Präsenz der meisten EU-Diplomaten bei der Umbettung von Jewhen Konowalez und sprach nach Angaben der Agentur UA.NEWS von einer polnischen diplomatischen Initiative als Hintergrund der Absagen.

Was bleibt

Die Faktenlage verdichtet sich zu einem klaren Strukturwandel: Berlin baut die bilaterale Achse zur Ukraine systematisch aus – militärisch, finanziell und perspektivisch beim Wiederaufbau. Warschau bleibt Logistikdrehscheibe, verliert aber im politischen Lenkungsgremium an Gewicht. Der Streit um Drohnentechnologie und die Auseinandersetzung um die Erinnerungspolitik sind keine Begleitmusik, sondern eigenständige Konfliktfaktoren. Zu beobachten bleibt, ob die Bundesregierung die Warschauer Interessen beim künftigen Drohnenabkommen und in den EU-Integrationsdebatten stärker mitverhandelt – oder ob das Strukturgefälle zwischen Berlin und Warschau weiter zunimmt.