Polnisch-ukrainische Beziehungen: Historische Lasten und aktuelle Spannungen
Nach Daten der polnischen Forschungsagentur CBOS bewerten 46 Prozent der Polinnen und Polen die Beziehungen zu Kiew negativ – der höchste Wert seit Beginn der Erhebung.

Nur noch 12 Prozent stufen die Lage als gut ein; vor drei Jahren lag das Verhältnis mit 3 zu 64 Prozent nahezu spiegelverkehrt. Die Verschiebung ist keine Stimmungsschwankung, sondern ein dokumentierter Trendbruch mit direkter Relevanz für den Grenzverkehr, den Agrarmarkt und die politische Verlässlichkeit im östlichen Nachbarschaftsraum Polens.
Stimmungsbild mit klarer Verantwortungszuschreibung
CBOS hat die Aussöhnungsfähigkeit beider Nachbarn seit 1997 dokumentiert. Der Anteil der Polen, die eine Versöhnung für möglich halten, fiel auf 53 Prozent – ebenfalls Allzeittief. Anfang der 2000er Jahre lag der Wert bei 81 Prozent, 2023 noch bei 78 Prozent. Unter denjenigen mit negativer Sicht benennen 65 Prozent die Ukraine als Hauptverursacher der Spannungen, 28 Prozent sehen Verantwortung auf beiden Seiten, lediglich 4 Prozent verorten sie primär in Polen selbst. Diese Verteilung deutet auf ein strukturelles Wahrnehmungsdefizit hin, nicht auf ein beidseitig ausgewogenes Konfliktnarrativ.
Konjunkturelle Erholung, dann drei Reibungsflächen
Die Verschlechterung folgt auf eine Phase enger Kooperation seit der russischen Vollinvasion im Februar 2022. Polen nahm Millionen ukrainische Geflüchtete auf und stützte Kiew militärisch, humanitär und diplomatisch. Seit 2023 überlagern jedoch drei Konflikte das Bild: ukrainische Agrarexporte, Blockaden an der Grenze durch polnische Bauern und Spediteure sowie die belastete gemeinsame Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Im Zentrum steht die Erinnerung an die Wolhynien-Massaker, bei denen ukrainische Nationalisten rund 100.000 überwiegend polnische Zivilisten – meist Frauen und Kinder – im Rahmen einer ethnischen Säuberung töteten. Polen erkennt das Geschehen offiziell als Genozid an; die Ukraine weist diese Einordnung zurück und verweist auf Verfolgungen von Ukrainern im Zwischenkriegspolen sowie auf Gewalt polnischer Gruppen während des Krieges.
Auslöser mit Symbolwirkung
Die aktuelle diplomatische Krise wurde durch eine Entscheidung von Präsident Wolodymyr Selenskyj im Mai ausgelöst: Er genehmigte die Umbenennung einer Militäreinheit nach „Helden der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA)". In Polen gilt die UPA als Trägerin der Massaker, in der Ukraine wird sie für den Kampf gegen die sowjetische Herrschaft erinnert. Der Vorgang bündelte die historische Last in einer einzelnen Personalentscheidung und machte sie auf bilateraler Ebene nicht mehr verhandelbar.
Was zu beobachten bleibt
Die Datenbasis erlaubt eine erste Einordnung: Die Verschlechterung ist über mehrere Erhebungswellen dokumentiert und nicht durch ein einzelnes Ereignis erklärbar. Für die deutsch-polnische Nachbarschaft entscheidend ist, ob Warschau die wirtschaftlichen Kanäle – Agrarexporte, Grenzabfertigung, Logistikkorridore – von der historischen Bruchlinie abkoppeln kann. Die nächste CBOS-Erhebung wird zeigen, ob der Tiefpunkt konjunkturell oder strukturell ist. Bis dahin gilt: Die Fördermittelallokation der EU für die Region und die Funktionsfähigkeit der Grenzübergänge bleiben die zwei verlässlichsten Indikatoren für den Zustand der Beziehungen.