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Wie Russland den polnisch-ukrainischen Streit für Desinformation instrumentalisiert

einer Reuters-Recherche hat Russland seine Desinformationskampagne gegen Polen spürbar ausgeweitet — als Einfallstor dient der Streit zwischen Warschau und Kyjiw um die Massaker in Wolhynien.

Wie Russland den polnisch-ukrainischen Streit für Desinformation instrumentalisiert

Wer dieser Tage durch polnische Kommentarspalten scrollt, spürt, wie sich Empörung und Erschöpfung mischen. Für uns als Nachbarn im Herzen Europas ist das mehr als eine Randnotiz: Hier wird gezielt eine Bresche zwischen zwei Völker getrieben, die aufeinander angewiesen bleiben.

Ein historischer Streit, der wieder aufbricht

Der Auslöser war eine Entscheidung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, eine Militäreinheit nach historischen ukrainischen Aufständischen zu benennen. Der polnische Präsident Karol Nawrocki reagierte mit dem Entzug der polnischen Ehrungen Selenskyjs — eine symbolisch schwere Geste. Im Hintergrund steht ein Kapitel, das in unserer Wahrnehmung oft zu kurz kommt: Zwischen 1943 und 1945 töteten ukrainische Nationalisten nach polnischer Lesart rund 100.000 Polen in Wolhynien, bei Vergeltungsaktionen starben umgekehrt Tausende Ukrainer. Was im Schulunterricht als ferne Notiz erscheint, ist für viele unserer östlichen Nachbarn bis heute eine offene Wunde, die regelmäßig wieder aufreißt, wenn politische Signale aus Kiew in Warschau als Provokation gelesen werden.

Wenn Maschinen den Unmut verstärken

Was die Sache brisant macht, ist nicht allein die Geschichte — sondern wie sie derzeit digital befeuert wird. Nach Analysen des polnischen Instituts für Internationale Angelegenheiten, auf die Devdiscourse verweist, schnellte anti-ukrainische Online-Kommunikation in Polen nach Selenskyjs Entscheidung um 250 Prozent nach oben. Ein Großteil davon stamme laut den Forschern von automatisierten Accounts, die den Anschein breiter Unzufriedenheit erzeugen. Das Tückische: Hier werden kaum erfundene Fakten verbreitet, sondern vorhandene Narrative so verstärkt, dass sie wie eine Volksmeinung wirken — ein Vorgehen, das sich mit klassischen Faktenchecks kaum entkräften lässt. Besonders im Visier steht die Wahrnehmung ukrainischer Geflüchteter, und das wenige Jahre vor den polnischen Wahlen 2027, in denen rechte Kräfte bereits an Zuspruch gewinnen. Moskau bestreitet jede Einmischung.

Was wir im Alltag daraus machen

Wir müssen keine Desinformationsforscher werden, um klarer zu sehen. Drei kleine Routinen helfen, wenn uns ein Beitrag in den Kommentarspalten oder im Feed plötzlich wütend macht: Werfen wir einen Blick aufs Profil — wirkt es frisch, ohne Foto, ohne nachvollziehbare Geschichte? Folgen wir dort vor allem Menschen, die wir aus unserem konkreten Umfeld kennen, oder Accounts, denen wir nie persönlich begegnet sind? Und fragen wir uns ehrlich, ob uns ein historisches Ereignis heute noch genauso aufwühlen würde, wenn uns nicht ausgerechnet jetzt ein Algorithmus genau diesen Beitrag vorsetzt. Unsere Alltagsrealität als deutsch-polnische Nachbarschaft hängt daran, ob wir bereit bleiben, zwischen dem Geschehen und seiner Instrumentalisierung zu unterscheiden — und ob wir den Versuchen, uns gegeneinander aufzubringen, mit Gelassenheit begegnen.