Donald Tusk kündigt hartes Vorgehen gegen anti-ukrainische Gewalt in Polen an
Wie DW aus der Kabinettssitzung in Warschau berichtet, hat Ministerpräsident Donald Tusk die Zunahme anti-ukrainischer Gewalt als innenpolitische Kernaufgabe markiert.

Er kündigte am Dienstag eine "entschlossene Bekämpfung" von Schlägern und Hooligans an, die zunehmend "dreist und unverschämt" agierten. Anlass war ein Übergriff in Breslau, bei dem drei Polen ein ukrainisches Paar nach einem Streit über den Akzent brutal zusammenschlugen – Videos zeigen, wie die Täter auf dem am Boden Liegenden eintreten. Für die deutsch-polnische Verständigung ist die Entwicklung relevant: Rund 1,5 Millionen Ukrainer leben im Nachbarland, die Sicherheitslage für sie verschlechtert sich messbar.
Die Zahlen als Frühwarnsystem
180 Straftaten gegen Ukrainer registrierte die polnische Polizei im ersten Halbjahr 2026 – ein Drittel mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Vorfälle verteilen sich über das gesamte öffentliche Leben: eine Baustelle in Skawina, Züge bei Warschau, ein Bus in Bielsko-Biała, sogar Spielplätze. Tusk warnte explizit vor dem Reputationsverlust: Die seit 2022 aufgebaute Glaubwürdigkeit als Schutzmacht stehe auf dem Spiel, wenn kriminelle Akteure unbehelligt blieben. Zwei der drei Täter von Breslau sitzen bereits in Haft, beide mit Vorstrafen; ein dritter wird per Fahndung gesucht.
Die Mechanik des Stimmungsumschwungs
DW macht zwei Faktoren aus. Erstens der Ukraine-Beschluss von Präsident Selenskyj im Mai, einer Militäreinheit den Titel "Helden der UPA" zu verleihen – ein Affront für Polen, das die Ukrainische Aufständische Armee für Massaker an Zehntausenden Polen in Wolhynien 1943–1945 verantwortlich macht. Zweitens eine Desinformationswelle, auf die Gazeta Wyborcza am Freitag hinwies: gezielte Falschmeldungen über angebliche Straftaten von Ukrainern. Parallel suchte die Warschauer Regierung um Schadensbegrenzung. Am 1. August trafen sich Vizeminister Marcin Bosacki und die stellvertretende Leiterin des ukrainischen Präsidialamtes, Iryna Wereschtschuk, in Lwiw. Laut Gov.pl erörterten sie Sicherheitslage, Industriekooperation und die "soziale Dimension" der Beziehungen – inklusive der beiderseitigen Bitte um "verantwortungsvolle Kommunikation".
Die offene Rechnung
Die polnische Sicherheitsarchitektur steht vor einem Strukturproblem: Die Dynamik anti-ukrainischer Übergriffe folgt nicht allein der politischen Großwetterlage, sondern einer verselbständigten Gewalt- und Desinformationskultur. Tusk setzt auf Strafverfolgung und öffentliche Distanzierung – ob diese Mechanismen skalieren, bleibt abzuwarten. Die juristische Aufarbeitung des Breslau-Falls wird ein erster Indikator sein. Für die deutsch-polnische Nachbarschaft heißt das: Das bilaterale Sicherheits- und Wirtschaftsverhältnis bleibt intakt, der gesellschaftliche Untergrund im Nachbarland wird unberechenbarer. Die kommenden Wochen entscheiden, ob der Breslauer Vorfall ein isolierter Ausreißer bleibt oder der Beginn einer neuen Eskalationsstufe.