Geheime Diplomatie in Wien: Suchen europäische Ex-Diplomaten einen eigenen Weg zum Frieden?
Wie das Magazin Modern Diplomacy berichtet, trafen sich im Juli in Wien drei ehemalige Spitzenbeamte der europäischen Außenpolitik mit einem nicht namentlich genannten früheren Kreml-Vertreter.

Die Begegnung wurde vom Genfer Centre for Humanitarian Dialogue organisiert. Bei dem Treffen dabei: Tim Barrow, bis vor Kurzem britischer Nationaler Sicherheitsberater, Markus Ederer, Ex-Staatssekretär im Auswärtigen Amt und früherer EU-Botschafter in Russland, sowie Pierre Vimont, einst Leiter des französischen EU-Auswärtigen Dienstes. Das Format folgt einem früheren Kontakt zwischen deutschen und russischen Ex-Beamten in Baku, den Aserbaidschans Präsident im Juli öffentlich gemacht hatte.
Ein Kanal an Washington vorbei
Die Konstellation ist ungewöhnlich, gerade weil sie kein offizielles Mandat trägt. Keiner der Teilnehmer ist im Amt. Keiner wurde entsandt. Das macht die Initiative schwer greifbar und gleichzeitig plausibel als Vorbereitung einer europäischen Eigenposition für die Endphase des Ukraine-Konflikts. Die Stoßrichtung, so der Bericht, zielt auf einen Gesprächskanal nach Moskau, der nicht über Washington läuft. Mit Ederer sitzt ein deutscher Ex-Spitzenbeamter am Tisch, mit Vimont ein französischer. Personell eng verflochten, institutionell ohne aktuelles Mandat. Genau diese Lücke zwischen Informalität und strategischer Substanz macht das Format für Berlin interessant und für Warschau zum Unsicherheitsfaktor.
Parallelachse: Substitution in Zentralasien
Parallel verschiebt sich die wirtschaftliche Geographie. Eine Analyse des Kyiv Independent belegt den Strukturwandel: Der Transkaspische Korridor (Middle Corridor) wuchs 2024 um 62 % auf 4,5 Millionen Tonnen Transportvolumen. Auf dem ersten EU-Zentralasien-Gipfel im April 2025 wurde ein Investitionspaket von zehn Milliarden Euro (rund 11,5 Milliarden Dollar) vereinbart. Kasachische Öl- und Mineralimporte in die USA stiegen von 1,7 auf 4,1 Milliarden Dollar. Usbekische Exporte in die USA wuchsen von 50 Millionen Dollar 2021 auf 431 Millionen Dollar 2024. Die C6 - Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan - lösen sich schrittweise aus der Moskauer Wirtschaftsdominanz. Arbeitsmärkte, Energie und kritische Rohstoffe treiben die Verschiebung voran. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich als Holdingstandorte etabliert. Für die Ukraine entsteht so ein sekundärer Hebel: wirtschaftliche Diversifizierung der Nachbarn Russlands.
Vier Indikatoren zur Beobachtung
Wird der Wiener Kanal in eine offiziellere Struktur überführt? Kommen weitere europäische Hauptstädte hinzu, insbesondere die polnische und die baltischen? Wie verhält sich die Initiative zur nächsten US-Verhandlungsrunde? Und ob das Zentralasien-Tempo stabil bleibt, wenn die Verhandlungsdynamik in Wien zunimmt. Die Zwischenbilanz: Europa aktiviert zwei Hebel gleichzeitig - Verhandlung und Substitution. Die Reihenfolge, in der sie greifen, entscheidet über die Glaubwürdigkeit des Formats.