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Exhumierungen in der Westukraine: Archäologin sieht Schritt für die polnisch-ukrainische Versöhnung

„Ein Baustein für die polnisch-ukrainische Freundschaft" – so zitiert der polnische Rundfunk eine ukrainische Archäologin anlässlich der abgeschlossenen Exhumierungsarbeiten in Ostrówki und Wola Ostrowiecka. Baustein, wohlgemerkt.

Exhumierungen in der Westukraine: Archäologin sieht Schritt für die polnisch-ukrainische Versöhnung

Nicht Fundament, nicht Krönung, sondern ein einzelner Stein in einem Mauerwerk, das auf beiden Seiten noch heftig umkämpft ist. Was sich nüchtern als archäologische Routine darstellt, ist in Wahrheit der neueste Akt eines erinnerungspolitischen Dramas, das seit Jahrzehnten zwischen Warschau und Kiew schwelt.

Was die Schaufeln freigaben

Nach Angaben des polnischen Instituts für Nationales Gedenken (IPN) wurden zwischen dem 13. Juli und dem 7. August die Überreste von 55 Opfern geborgen, darunter 26 Kinder – die meisten unter zwölf Jahre, das jüngste wenige Monate alt – sowie 20 Frauen. Die Schädel tragen Spuren, die zu zeitgenössischen Berichten passen: Hiebe mit Werkzeugen aus der Landwirtschaft, darunter Schlachtäxten. Die Toten waren ohne Sarg „wahllos" verscharrt, offenbar nach einem Massaker in einer Scheune und einer anschließenden Massenbestattung in einer Grube. Knochenmaterial wurde für genetische Tests gesichert – erstmals kam DNA-Analyse nun auch an einem weiteren Wolhynien-Standort zum Einsatz, nachdem sie im Vorjahr anderswo erprobt worden war.

Genehmigung als politisches Tauwetter

Dass überhaupt gegraben werden durfte, ist keine Selbstverständlichkeit. 2017 hatte die Ukraine alle Suchaktionen auf ihrem Territorium ausgesetzt, nachdem in Polen ein UPA-Denkmal entfernt worden war. Erst im Dezember vergangenen Jahres erteilte Kiew die Genehmigung für Ostrówki und Wola Ostrowiecka; im April wurden Massengräber lokalisiert, im Juli begann die Bergung. Die Dörfer liegen heute in der Westukraine, gehörten aber vor 1945 zu Polen. Am 30. August 1943 hatte die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) dort über tausend Polen ermordet und die Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht – Teil einer ethnischen Säuberung, der insgesamt rund 100.000 Polen zum Opfer fielen.

Versöhnung oder Verwertung?

Die Archäologin spricht vom „Baustein". Die Botschaft dahinter: Aus Gräbern sollen Brücken werden. Eine schöne Vorstellung – und eine, die kritisch geprüft gehört. Denn parallel zu den Exhumierungen eskalierte der Streit um die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit nach der UPA durch Präsident Selenskyj. Ist da Versöhnung im Gange oder symbolische Geschäftigkeit, bei der auf polnischer Seite Trauerarbeit betrieben wird, während auf ukrainischer Seite die Täter weiter geehrt werden?

Hier zeigt sich, was Erinnerung gegen Instrumentalisierung bedeutet: Ein Schädel mit Axthieb lässt sich nicht diplomatisch weichzeichnen. Wer in Wolhynien gräbt, kann nicht gleichzeitig Denkmäler für jene errichten, die gegraben haben. Wer den Opfern ihre Namen zurückgeben will – wozu die DNA-Proben dienen –, darf die Täter nicht anonymisieren. Die ukrainische Archäologin hat Recht: Es ist ein Baustein. Aber ein Mauerwerk steht oder fällt damit, was auf diesem Stein lastet. Geschichtsklitterung beginnt dort, wo Befunde selektiv gelesen werden.