polen-und-wir.

Nachbarschaft verstehen, Dialog gestalten, Zukunft denken.

Meldung

Wirtschaftsforum in Karpacz: Wie Europa seine neue Ordnung definiert

Wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA berichtet, trifft sich vom 8.

Wirtschaftsforum in Karpacz: Wie Europa seine neue Ordnung definiert

bis 10. September 2026 das mitteleuropäische Politikkonzil zur 35. Auflage des Economic Forum im niederschlesischen Karpacz. Über 6.000 Teilnehmer und mehr als 500 Veranstaltungen stehen unter dem Dachthema "The Architecture of the New Order – Stability in Times of Change". Das Forum, vom Foundation Institute for Eastern Studies organisiert, firmiert als "Davos des Ostens" – der Anspruch geht über reine Konferenzrhetorik hinaus.

Was den Termin strukturiert

Die Programmatik zeigt eine klare Verschiebung. Sicherheitspolitik, Energiewirtschaft, EU-Kohäsionspolitik und hybride Bedrohungslagen werden nicht als Einzelthemen verhandelt, sondern unter einem Ordnungsbegriff gebündelt. Das ist mehr als ein Etikett. Es signalisiert, dass die Veranstalter die Fragmentierung der internationalen Ordnung – weg von regelbasierter Kooperation, hin zu einer von Großmachtinteressen geprägten Rivalität – als Rahmung setzen. Wer in Karpacz spricht, formuliert Antworten auf eine Umgebung, in der wirtschaftliche Verflechtung zunehmend als Druckmittel eingesetzt wird.

Polen als Träger des Formats

Die Wahl des Standorts ist kein Zufall. Karpacz liegt im Grenzraum zu Tschechien und Deutschland – dem Strukturgefälle Mitteleuropas direkt auf der Sichtachse. Adam Reichardt und Maksym Khylko ordnen Polen gemeinsam mit der Ukraine im Magazin New Eastern Europe als "middle power" ein, die das Schicksal der europäischen strategischen Autonomie mitprägt. Der Befund: Die Annahme einer stabilen transatlantischen Sicherheitsarchitektur erodiert, die EU-Mitgliedstaaten sind gezwungen, untereinander Kohäsion herzustellen. Die internationale Resonanz bestätigt diese Verschiebung: Mit über dreißig Vertretern aus Italien ist die Präsenz ungewöhnlich stark, Forschende der Roma Tre und der Helmut-Schmidt-Universität analysieren die europäische Antwort auf hybride Bedrohungen, und auch Polens Nuklearprogramm – ein Sektor, der deutsche Versorgungsinteressen unmittelbar berührt – steht auf der Agenda. Für die deutsch-polnische Verständigung verschiebt sich damit die Referenzebene – weg vom bilateralen Interessenausgleich, hin zur Frage europäischer Souveränität.

Drei Achsen, die zu beobachten sind

Für die deutsch-polnische Dynamik verdienen drei Linien besondere Aufmerksamkeit. Erstens: die Kohäsionspolitik. Im Programm findet sich eine eigene Sitzung zur Frage "Centralisation or Multi-level Governance?" – ein Verhandlungsstrang, der über Programmatik hinausweist, da hier die künftige Architektur der Fördermittelallokation berührt wird. Zweitens: die Energiearchitektur. Polens Nuklearprogramm und die damit verbundenen Fragen grenzüberschreitender Strommärkte betreffen deutsche Versorgungsinteressen unmittelbar. Drittens: die hybride Bedrohungslage. Die Diskussion über Cyberoperationen und Desinformation wird in Karpacz mit jener ostmitteleuropäischen Nüchternheit geführt, die in westlichen Hauptstädten oft fehlt. Der analytische Rahmen, wie ihn Daniel Fiott in New Eastern Europe formuliert – Autonomie als Eigenständigkeit, als Verantwortung gegenüber gleichgesinnten Partnern und als strategisches Hedging –, liefert den Maßstab, an dem sich die Beiträge messen lassen müssen.

Die nüchterne Prognose: Das Economic Forum liefert keine Resolutionen. Es setzt aber die Indikatoren, an denen sich ablesen lässt, welche Koalitionen im mitteleuropäischen Raum kurzfristig realistisch sind.