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Geraubte Ernte: Wie Russland die Landwirtschaft im besetzten Süden der Ukraine systematisch ausbeutet

Eine neue Untersuchung des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EEAS) zeigt, wie Russland die Landwirtschaft im südukrainischen Asow-Gebiet nicht einfach nur unterbricht, sondern systematisch in den…

Geraubte Ernte: Wie Russland die Landwirtschaft im besetzten Süden der Ukraine systematisch ausbeutet

Geraubte Ernte, verwüstete Wurzeln

Wenn wir an Besatzung denken, sehen wir oft zuerst Panzer und zerbombte Häuser. Doch wer den Alltag der Menschen in den besetzten Gebieten wirklich verstehen will, muss auch auf die Felder blicken — und auf das, was dort nicht mehr wächst. Eine neue Untersuchung des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EEAS) zeigt, wie Russland die Landwirtschaft im südukrainischen Asow-Gebiet nicht einfach nur unterbricht, sondern systematisch in den eigenen Wirtschaftskreislauf umleitet. Für uns in Mittel- und Osteuropa ist das mehr als eine ferne Nachricht: Es verändert die Karten dessen, was wir in unserer Nachbarschaft als stabil vorausgesetzt haben.

Ein Weingut als Symbol

Im Sommer 2022, nur 25 Kilometer von Mariupol entfernt, versuchten Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner von Mangush, letzte Flaschen des örtlichen Weinguts Vyna Pryazoviya zu verkaufen. Der Wein stammte aus dem Jahrgang 2020 — fünf Goldmedaillen bei einer Ausstellung in Verona im Jahr 2021 sprechen für sich. In der Hektik der Besatzung wurden viele Flaschen mitgenommen, das Weingut selbst geplündert, Geräte verschwanden, und russische Soldaten nutzten die großen Stahltanks schließlich als Schießübungsziele. Am schmerzhaftesten aber war, was danach kam: Die Reben starben. 32.000 junge Stöcke hatten 2022 ihre volle Produktivität erreicht — niemand erntete sie. Wie der Besitzer Volodymyr Babych schildert, leidet die Rebe unter den Kampfhandlungen, wird ohne Pflege krank. Sie wartet, so Babych, wie alle anderen auch, auf die Rückkehr der Ukraine.

Ein ganzer Wirtschaftsraum wird umgeschaltet

Was für Vyna Pryazoviya ein Verlust ist, lässt sich im großen Stil beobachten. Vor dem großangelegten Einmarsch war die Nordküste des Asowschen Meeres eine der wichtigsten Agrar- und Exportregionen der Ukraine. Höfe, Getreidesilos, Saatzuchtwerke und Transportnetze waren auf die Häfen von Mariupol und Berdjansk ausgerichtet — mit direktem Zugang zu internationalen Märkten. Unter russischer Besatzung blieben die Felder, Lagerhäuser und Häfen physisch bestehen, aber die wirtschaftlichen Verbindungslinien wurden gekappt. Ukrainische Eigentümerinnen und Gemeinden verloren jede Entscheidungsgewalt über Land, Ernten, Maschinen und Betriebe.

Die EEAS-Analyse beschreibt das als einen bewussten Bruch: Russland stelle das frühere Agrarsystem nicht wieder her, sondern ersetze ukrainische Eigentums- und Kontrollstrukturen durch ein besatzungsgetriebenes System, das auf die russische Wirtschaft ausgerichtet ist. Ukrainische Agrarunternehmen werden demnach aufgefordert, sich unter russischem Recht neu zu registrieren, mit den Besatzungsverwaltungen zu kooperieren und Steuern in das russische System abzuführen — wer sich weigert, riskiert den Zugang zum eigenen Eigentum.

Die Bilanz eines Unternehmens

Wie groß die Verluste konkret sind, lässt sich am Beispiel des Agrarkonzerns HarvEast nachvollziehen. Nach der Invasion verlor das Unternehmen laut EEAS die Kontrolle über 95.000 Hektar Land nahe Mariupol. Zurück blieben ein Saatzuchtwerk, 2.500 Maschinen, Bewässerungssysteme, 119 Hektar Walnussplantagen und fast 52.000 Tonnen Getreide aus der Ernte von 2021. Im Herbst 2021 hatte HarvEast in der Oblast Donezk 51.000 Hektar Winterkulturen ausgesät — nach Angaben der Unternehmensvertreterin Tetjana Alaverdova wurden diese später von den Besatzern geerntet. Es geht also nicht nur um verlorenes Eigentum, sondern darum, dass die Infrastruktur von den Menschen getrennt wurde, die sie aufgebaut und betrieben haben.

Was das mit unserem Alltag zu tun hat

Die direkten Folgen reichen weit über die Ukraine hinaus — importabhängige Länder wie Kenia spüren die Verwerfungen zuerst. Für uns in Deutschland und Polen bedeutet das: Wir verhandeln seit Jahren über Ernährungssicherheit, Schwarze-Meer-Korridore und stabile Lieferketten. Wenn ganze Agrarregionen in ein paralleles Wirtschaftssystem überführt werden, verschieben sich auch die Grundlagen unserer europäischen Nachbarschaftsordnung. Die hybride Kriegsführung, die wir derzeit an Drohnen über Flughäfen, Cyberangriffen auf Energieinfrastruktur und gezielter Sabotage in Polen und Deutschland diskutieren, hat hier ein landwirtschaftliches Gegenstück — leiser, aber nicht weniger folgenreich.

Was wir konkret im Auge behalten sollten: welche Firmen in den besetzten Gebieten zur Umregistrierung gezwungen werden, wie sich die Exporte aus den Häfen von Berdjansk und Mariupol entwickeln und welche langfristigen Schäden an Böden, Bewässerung und Saatgut entstehen, die nach einer Befreiung nicht einfach repariert werden können. Denn eine Rebe, die stirbt, lässt sich nicht neu pflanzen, wenn das Wissen um ihre Pflege verloren geht.