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Radosław Sikorskis Vorstoß: Warum Polen eine europäische Legion fordert

Russland führe einen „Krieg" gegen die europäischen Gesellschaften — nicht allein militärisch, sondern über Sabotage, Desinformation und Drohnenangriffe.

Radosław Sikorskis Vorstoß: Warum Polen eine europäische Legion fordert

Polens Vizepremier Radosław Sikorski hat in einem Interview mit der griechischen Zeitung Kathimerini die Einrichtung einer permanenten „Europäischen Legion" als Ergänzung zur NATO vorgeschlagen. Die Initiative zielt auf eine tiefere militärische Integration der EU-Staaten, da Washington sich zunehmend auf den Indopazifik konzentriere. Für die deutsch-polnische Achse markiert der Vorstoß eine neue Stufe der Lastenverteilung.

Strukturelle Dauerbelastung an der Ostflanke

Sikorski beschreibt die Bedrohungslage als hybriden Dauerkonflikt. Russland führe einen „Krieg" gegen die europäischen Gesellschaften — nicht allein militärisch, sondern über Sabotage, Desinformation und Drohnenangriffe. Die Operationen richteten sich direkt gegen NATO-Staaten, ihre Intensität nehme zu. Polen registrierte nach seinen Angaben im vergangenen Jahr nahezu 700.000 Cybervorfälle — ein klarer Indikator für das Eskalationstempo an der östlichen Nahtstelle der EU. Sikorski verweist auf die fünfjahrhundertelange Erfahrung Polens im Umgang mit russischem Imperialismus. Diese historische Kontinuität der Bedrohung bildet für Warschau den Begründungsrahmen für die laufenden Sicherheitsinvestitionen und das parlamentarisch beschlossene Aufrüstungsprogramm.

Verschiebung der Verantwortungsarchitektur

Der Vorschlag verändert die institutionelle Architektur innerhalb der NATO. Bislang, so Sikorski, könne Europa sich nicht dauerhaft darauf verlassen, dass Washington auf jede Bedrohung reagiere. Die Legion soll diese Lücke füllen — als europäische Schnellreaktionskapazität, dauerhaft strukturiert, nicht als Ad-hoc-Koalition. Damit verschiebt sich die Fördermittelallokation: Berlin bleibt finanzstärkster EU-Staat, Warschau exponiertester Frontstaat. An dieser Nahtstelle entscheidet sich, welche Hauptstadt die operative Führung übernimmt und wie die Mittel zwischen Bündnisverteidigung und EU-Rahmen verteilt werden. Das Strukturgefälle zwischen Westeuropa und der östlichen Flanke wird so zu einer zentralen Variable der europäischen Sicherheitspolitik.

Gegenpol aus dem russischen Staatssender

Am 14. August 2026 trat der polnische Politiker Mateusz Piskorski im russischen Sender Perwy kanal auf. Er warb dort für die These, Polen könne seine „volle Souveränität" nur durch den Austritt aus EU und NATO zurückgewinnen. Die polnische Staatsanwaltschaft wirft Piskorski Spionage zugunsten russischer und chinesischer Dienste vor. Als Beleg für wachsenden innenpolitischen Rückhalt verwies er im Sender auf die Partei Konfederacja Korony Polskiej um Grzegorz Braun, die EU- und NATO-Mitgliedschaft Polens grundsätzlich infrage stellt. Der Auftritt verdeutlicht die Bandbreite des polnischen Diskursraums. Zwischen Sikorskis Integrationskurs und offen russlandfreundlichen Positionen liegen diametral entgegengesetzte sicherheitspolitische Grundannahmen. Die deutsche Debatte über Polen muss beide Pole kennen, um Warschaus Handlungslogik realistisch einzuordnen.