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Filmfestival Venedig: Warum das Programm in diesem Jahr so politisch ist

Welle ordnet das 83. Filmfestival von Venedig, das am 2. September mit Danny Boyles „Ink" über die Übernahme der britischen Boulevardzeitung The Sun durch Rupert Murdoch im Jahr 1969 beginnt, als die „politischste Ausgabe" aller Zeiten ein.

Filmfestival Venedig: Warum das Programm in diesem Jahr so politisch ist

Der künstlerische Leiter Alberto Barbera teilt diese Einschätzung. Für die deutsch-polnische Beobachtung liegt der relevante Datenpunkt nicht im Staraufgebot, sondern in der Programmstruktur: Mit Andrei Kutsilas „Letters From the Silenced Country" über Repression in Belarus feiert eine Koproduktion von DW, ZDF/Arte und dem polnischen TVP auf dem Lido Weltpremiere.

Verschiebung der Festivalgeografie

Venedig positioniert sich programmatisch als Gegenpol zur Berlinale. Drei Jahre Debatte über den israelisch-palästinensischen Konflikt haben das Renommee des deutschen Festivals nachhaltig beschädigt. Die Spannungen reichten bis zur Preisverleihung: Als der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Al-Khatib die Bundesregierung als „Partner im Völkermord in Gaza durch Israel" benannte, stand Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle vor dem Rücktritt. Zuvor war Jury-Präsident Wim Wenders online massiv angegriffen worden, nachdem er angeregt hatte, Filmschaffende müssten „aus der Politik herausbleiben". Venedig geht den entgegengesetzten Weg und integriert politische Stoffe direkt in den Wettbewerb. Im Vorjahr hatte die Dokumentation „The Voice of Hind Rajab" über die Tötung eines palästinensischen Mädchens durch israelische Streitkräfte in Gaza-Stadt eine 22-minütige Standing Ovation erhalten – Lido-Rekord. Das israelische Militär kündigte daraufhin eine offizielle Untersuchung an.

Politische Stoffe im Hauptprogramm

Die diesjährige Auswahl setzt diesen Kurs fort. Yuval Abraham und Rachel Szor, israelische Filmschaffende des oscarnominierten „No Other Land", zeigen mit „Naza" eine Dokumentation über Tötungen palästinensischer Zivilisten durch das israelische Militär. Die US-russische Regisseurin Julia Loktev dokumentiert in „My Undesirable Friends Part II — Exile" die Zerschlagung unabhängiger Medien unter Präsident Wladimir Putin. Laura Poitras, Oscar-Preisträgerin für „Citizenfour", präsentiert gemeinsam mit Rachel Lauren Mueller den Dokumentarfilm „They're Here" über Abschiebeoperationen der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis. Alex Gibney legt eine vierstündige Dokumentation über Elon Musk vor, die dieser noch vor Sichtung als „hit piece" zurückgewiesen hat.

Polnischer Sender an Belarus-Projekt

Für die deutsch-polnische Nachbarschaft ist die TVP-Beteiligung an Kutsilas Belarus-Dokumentation der strukturell relevanteste Aspekt. Belarus grenzt direkt an Polen und an die östliche EU-Außengrenze. Repression gegen die belarussische Zivilgesellschaft gehört seit Jahren zur Tagesordnung der bilateralen Beziehungen. Mit dem Lido-Start übernimmt der polnische öffentlich-rechtliche Sender Mitverantwortung für die internationale Sichtbarkeit des Themas.

Was zu beobachten ist

Zwei Parameter entscheiden über die Tragfähigkeit des Venedig-Kurses. Erstens: Halten Branchenresonanz und Zuschauerzahlen – Venedig bleibt auch Startrampe für die Oscar-Saison. Zweitens: Findet die Berlinale zu einer stabilen Programmlinie zurück, oder verlagert sich das politische Festivalgeschehen dauerhaft an den Lido. Für deutsch-polnische Koproduktionen wäre das eine Verschiebung mit offenem Ausgang.