Polens Wirtschaftsreformen: Warum der Balcerowicz-Plan kein deutsches Allheilmittel ist
Auf einem Podium der Friedrich-Naumann-Stiftung sitzen sich im September 2026 der frühere polnische Finanzminister Leszek Balcerowicz und die EU-Abgeordnete Svenja Hahn gegenüber – und tun so, als…

Auf einem Podium der Friedrich-Naumann-Stiftung sitzen sich im September 2026 der frühere polnische Finanzminister Leszek Balcerowicz und die EU-Abgeordnete Svenja Hahn gegenüber – und tun so, als ließe sich aus drei Jahrzehnten polnischer Transformation ein Rezept für die deutsche Wirtschaftspolitik destillieren. Klingt nach transnationaler Pflichterfüllung. Ist es auch – nur nicht so, wie die Veranstalter vermuten lassen.
Eine Veranstaltung, die sich ihre Geschichte schon zurechtgelegt hat
Die Friedrich-Naumann-Stiftung hat gemeinsam mit dem Polnischen Institut für Internationale Angelegenheiten (PISM) zu einer Fachveranstaltung über „Lehren aus Polens Transformationsprozess für die deutsche Wirtschaftspolitik" geladen. Die Besetzung ist mit Bedacht gewählt: Auf der einen Seite Balcerowicz – der Mann, dessen Name für Polens wirtschaftliche Neugründung nach 1989 steht. Auf der anderen Seite eine Liberale, deren wirtschaftspolitisches Selbstverständnis exakt jene Logik spiegelt, die damals exekutiert wurde. Was hier stattfindet, ist weniger ein Fachgespräch als ein gegenseitiges Bekenntnis zu einer bestimmten Erzählung – beiderseitig schmeichelhaft, beiderseitig instrumentell.
Erinnerung als Währung – auch in der Wirtschaftspolitik
Die Diskussion ist ein Erinnerungsakt im politischen Sinn. Polen wird an seine eigene Gründungsgeschichte erinnert – jene Phase, in der aus einem bankrotten Staat binnen kürzester Zeit eine funktionierende Marktwirtschaft wurde. Deutschland wird zugleich an die Rolle des verlässlichen Partners erinnert, der diesen Umbau flankierte. Beide Seiten bedienen einander mit einem Narrativ, das politisch nützt: Polen als Erfolgsgeschichte, der Markt als moralisch überlegene Ordnung, die liberale Demokratie als deren politische Hülle.
Was in einer solchen Runde typischerweise nicht verhandelt wird, gehört zum Standardrepertoire jeder geglätteten Erinnerung: die sozialen Verwerfungen der ersten Jahre, die grassierende Arbeitslosigkeit, die politische Radikalisierung, die rechte wie linke Populisten später überhaupt erst möglich gemacht hat. Was als „Lehren" verkauft wird, sind Lehren aus einer halbierten Geschichte. Und genau hier beginnt das Problem, das uns als Erinnerungswerkstatt beschäftigen muss.
Erinnerungspolitik einmal andersherum
Normalerweise steht die polnische Erinnerungspolitik in der deutschen Debatte unter Generalverdacht – zu selektiv, zu national, zu opferfixiert. Diese Veranstaltung zeigt das Gegenstück: eine deutsche Geschichtspolitik, die sich die polnische Vergangenheit nach Maß schneidert. Das ist nicht illegitim – wer Geschichte politisch einsetzt, tut es immer selektiv. Aber wer es tut, sollte es auch benennen. Sonst wird aus Aufarbeitung Instrumentalisierung, und aus Instrumentalisierung wird irgendwann wieder das, wogegen Erinnerungskultur sich richtet: bequeme Selbstbestätigung auf beiden Seiten der Oder.
Was bleibt – und was zu beobachten ist
Übertragen lässt sich aus dem polnischen Beispiel vor allem eine Haltung: die Bereitschaft, Unpopuläres zu entscheiden und die Verantwortung dafür nicht zu delegieren. Ob diese Haltung in Berlin politisch verfügbar ist, wird sich nicht an Podiumsdiskussionen zeigen, sondern an konkreten Entscheidungen – Rente, Haushalt, Industriepolitik. Der Balcerowicz-Plan war kein Konzept zur Reform einer offenen Gesellschaft. Er war ein Bruch mit einer geschlossenen. Deutschland steht vor keinem vergleichbaren Bruch. Es steht vor der mühsameren Aufgabe, eine offene Gesellschaft zu reformieren, ohne sie zu zerstören. Was bleibt also von einer „Lehre", die ihre eigene Geschichte nicht aushält? Die Antwort geben nicht die Podien. Die Antwort geben die nächsten Haushaltsverhandlungen.