Polens kulturelle Präsenz in Ungarn: Warum ein neuer Austausch nötig ist
Eine Beobachtung, die uns aufhorchen lässt: Wie der polnische Sender Polskie Radio berichtet, warnt ein Experte davor, dass der kulturelle Einfluss Polens in Ungarn zunehmend verblasst – und fordert…

Eine Beobachtung, die uns aufhorchen lässt: Wie der polnische Sender Polskie Radio berichtet, warnt ein Experte davor, dass der kulturelle Einfluss Polens in Ungarn zunehmend verblasst – und fordert einen neuen Ansatz im Kulturaustausch, der über die bekannte Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hinausgeht. Für uns in der deutsch-polnischen Verständigung ist das mehr als eine Randnotiz; es berührt die Frage, wie wir unsere Nachbarn heute tatsächlich wahrnehmen.
Was schwindet – und warum es wehtut
Der Befund kommt ohne dramatische Geste aus, aber er wiegt. Wenn kulturelle Strahlkraft nachlässt, dann verschwindet nicht nur ein Name von Plakaten; dann verschwindet das Interesse an Geschichten, Perspektiven und Tönen, die uns seit Jahrzehnten verbinden. Wir erleben in unserer eigenen Arbeit immer wieder, wie schnell solche Brücken einrosten können: eine Lesung ohne Zuhörer, ein Filmabend ohne Fragen. Die ungarische Wahrnehmung Polens, so der Hinweis aus dem Bericht, habe sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert – und zwar nicht zum Besseren.
Dabei zeigt ein Blick auf andere Ecken, dass Polnisches durchaus funktioniert. Auch in den USA wird dieser Tage zu polnischem Essen und polnischer Kultur eingeladen, etwa wie es WOODTV.com für ein bevorstehendes Wochenende ankündigt. Neugier ist also kein begrenztes Gut – sie braucht aber den richtigen Anlass und vor allem Menschen, die ihn gestalten.
Jenseits von Tokarczuk: Was ein neuer Ansatz meinen könnte
Die Forderung "beyond Tokarczuk" ist klug und gleichzeitig unbequem. Klug, weil Tokarczuk zwar eine wunderbare Botschafterin ist, aber nicht die ganze polnische Gegenwartskultur tragen kann. Unbequem, weil sie uns zwingt, ehrlich hinzuschauen: Welche Bilder schicken wir eigentlich über die Grenze? Welche Stimmen kommen in unseren Programmen zu Wort – und welche fehlen?
Hier liegt eine praktische Aufgabe, die uns alle angeht. Wer in der Kulturarbeit zwischen Deutschland und Polen aktiv ist, kann konkret prüfen: Laden wir regionale Autorinnen und Künstler ein, die nicht auf den großen Buchpreis-Bühnen stehen? Gibt es Formate, in denen ungarische, polnische und deutsche Gäste gemeinsam diskutieren – ohne dass eine Nobelstimme die Bühne dominiert? Solche Räume zu öffnen ist Alltagsarbeit, aber genau sie hält die Wahrnehmung lebendig.
Was wir daraus mitnehmen
Die Diagnose ist kein Grund zur Resignation, sondern eine Einladung, unsere eigene Neugier zu schärfen – auf das, was jenseits der bekannten Namen entsteht. Wenn wir in unserer Redaktion mit polnischen Kulturpartnern sprechen, fragen wir künftig noch bewusster: Was wird in Ungarn, in Tschechien, in der Slowakei über Polen gerade wirklich gelesen, gesehen, gehört? Denn Nachbarschaft verstehen heißt, die eigenen Bilder immer wieder zu hinterfragen.